Wie kann ich die Beziehung zu meinen Geschwistern verbessern?

Ich möchte dir gern ausführlicher über die Beziehung zwischen meinem Bruder Chris und mir berichten und wie wir es geschafft haben, eine schöne Geschwisterbeziehung auf Augenhöhe aufzubauen.

Chris und ich haben einen Altersunterschied von 8 Jahren. Das heißt, ich war 8 Jahre lang ein Einzelkind mit allem was zu diesem Status dazu gehört. Darauf, dass sich das einmal ändern könnte, war ich absolut nicht vorbereitet. Und dann kam Chris, ein unglaublich niedliches Baby, um das ich mich anfangs sehr bemüht habe, doch ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich irgendwann das Interesse verloren habe. Ich war eben „schon groß“ und konnte mit so einem kleinen Lebewesen nicht sehr viel anfangen. An diesem Zustand des gegenseitigen Unverständnisses hat sich bis in unser Erwachsenenalter hinein nicht sehr viel geändert. Wir steckten nunmal beide stets in komplett anderen Lebensabschnitten fest und hatten meist wenig bis gar kein Verständnis füreinander. Und so lebten wir zwar lange unter einem Dach, aber hatten häufig so gut wie nichts miteinander zu tun. Wir hatten uns zwar immer lieb, aber waren nicht in der Lage, uns das auch zu zeigen.

Erst vor circa 5 Jahren fing diese Beziehung langsam an, sich zu verändern, insbesondere auch durch zwei Schicksalsschläge innerhalb der Familie. Ich habe das Gefühl, auf einmal haben wir uns überhaupt erst wieder gesehen und wahrgenommen. Chris ist dann vor zwei Jahren zum Studieren weggezogen und wir begannen damit, regelmäßig zu telefonieren und wenn er zuhause war, lange Spaziergänge zu machen. Plötzlich stellten wir fest, wie viel wir zu reden hatten und wie viele Gemeinsamkeiten da waren, die wir voneinander überhaupt nicht wussten. Ich lernte, dass mein Bruder erwachsen ist, eine eigenständige Person mit ganz eigenen Vorstellungen, Werten und Erfahrungen und dass ich ihn nicht kontrollieren muss und auch als große Schwester nicht verantwortlich für ihn bin. Das hat unserer Geschwisterbeziehung von meiner Seite unglaublich viel Druck genommen.  Ich erkannte, dass wir uns spätestens jetzt, da wir beide erwachsen sind, auch wenn wir einen großen Altersunterschied haben, endlich auf Augenhöhe begegnen können und müssen. Und ich glaube, das war der absolute Gamechanger für uns. Ich habe gelernt, meinem Bruder zu vertrauen, er wird für sich und sein Leben die richtigen Entscheidungen treffen. Gerne kann er mich um Rat fragen, so wie ich ihn ebenfalls um Rat frage, aber ich habe aufgehört, ihn in eine Richtung zu drängen, die ich für richtig halte. Ich vertraue ihm, dass er seine eigene Richtung findet und egal, welche das ist, ich werde ihn unterstützen und genauso ist es auch anders herum.

Etwas, dass unserer Beziehung auch sehr gut getan hat, war das gemeinsame Aufarbeiten der Vergangenheit. Wir haben sehr viel über unsere Kindheit, unsere Eltern und Angehörigen gesprochen und tun das auch heute noch. Es ist sehr faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich ein und dieselbe Situation von zwei Menschen wahrgenommen und verarbeitet wird. Wenn man erst einmal erkennt, warum der andere so und nicht anders reagiert und sich verhalten hat, entwickelt man plötzlich Verständnis und auch ein Bewusstsein für zukünftige Situationen. Das ist enorm bereichernd.

Und was ebenfalls äußerst wichtig ist und wir auch erst wieder lernen mussten: gemeinsam zu lachen. Lachen erweckt so viele positive Gefühle in uns, die wir dann mit der jeweiligen Person und Situation verknüpfen können. Es tut einfach gut und darf nicht unterschätzt werden.

Wenn du ebenfalls die Beziehung zu deinem Bruder oder deiner Schwester verbessern und als Erwachsene neu anfangen möchtest, sind hier ein paar Tipps für dich:

  1. Beginne, den anderen als eigenständige, erwachsene Person mit eigenen Erfahrungen, Werten und Vorstellungen zu erkennen und zu akzeptieren. Nehme wahr, dass du von genau diesen Erfahrungen und Werten lernen und profitieren kannst
  2. Erkenne, dass ihr enge Freunde mit einer oftmals sehr bewegenden gemeinsamen Vergangenheit seid und beginne, den anderen so zu behandeln, wie du enge Freunde normalerweise behandelst
  3. Begegnet euch auf Augenhöhe. Höre auf, dem anderen Dinge vorzuschreiben. Gebe Ratschläge, wenn du gefragt wirst, aber zwänge den anderen nicht in deine Ziele und Vorstellungen. Versetze dich in den anderen hinein und akzeptiere seine Entscheidungen
  4. Beginnt, miteinander zu reden. Über Gott und die Welt, aber auch über eure gemeinsame Vergangenheit. Vergebt euch gegenseitig. Das kann zuerst weh tun, aber es wird sich auszahlen
  5. Sagt euch öfter, dass ihr euch lieb habt
  6. Etabliert eine schöne Geschwistertradition. Das kann alles mögliche sein, die Hauptsache ist, ihr verbringt Zeit miteinander. Chris und ich gehen beispielsweise regelmäßig miteinander spazieren und tauschen uns dabei über alles aus. Zuletzt machten wir gemeinsam einen Meditationskurs und gemeinsam Musik. Uns fällt dabei immer wieder Neues ein und wir entwickeln tolle Ideen (wie z.B. diesen Blog zu schreiben)

Jede Geschwisterbeziehung ist individuell aber ich denke, jede ist es wert, aufgearbeitet zu werden, wenn Dinge in der Vergangenheit schief gelaufen sind. Wenn zu viele oder sehr schwerwiegende Dinge vorgefallen sind, solltet ihr jedoch einen Psychologen oder Coach hinzuziehen.

Die Beziehung zum Bruder oder zur Schwester ist sehr wahrscheinlich die längste Beziehung in unserem Leben und kann inniger sein, als die zum besten Freund oder zur besten Freundin. Denn wir teilen nicht nur die Dinge des Alltags miteinander, sondern haben einfach unfassbar viel gemeinsam erlebt und durchgemacht und niemand kennt auch die „dunklen“ Seiten unserer Familien so genau wie unsere Geschwister.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht und möglicherweise weitere Tipps?

Alles Gute für dich und deine Geschwister,

Deine Coco

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