Warum ein Orientierungsjahr so wichtig ist

Abitur, Ausbildung oder Studium, Arbeit, Rente und der lange Schlaf. So sieht im Grunde ein lückenloser Lebenslauf aus. Aber was verpassen wir auf diesem Weg alles?

Ich merke es immer wieder im Studium – so viele junge Menschen kommen direkt von der Schule an die Uni. Einige von ihnen haben ein klares Ziel und wissen, was sie tun. Andere hingegen sind sich gar nicht bewusst darüber, was sie tun wollen und vor allem wer sie eigentlich sind.
Die Berufswahl ist auch eine unfassbar schwierige Aufgabe. Meine Mutter zum Beispiel hat damals mit 14 Jahren ihre Ausbildung begonnen – davor habe ich riesigen Respekt und kann mir das absolut nicht vorstellen. Ich hatte mit 14 Jahren von den Sachen, die das Leben wirklich ausmachen, nicht die leiseste Ahnung. Heutzutage verbringen wir deutlich mehr Zeit in der Schule und sind bereits etwas reifer wenn es in die Berufswelt geht, doch trotzdem werden wir zu sehr unter Leistungsdruck gesetzt. So schnell wie möglich anfangen zu arbeiten und eine Karriere aufzubauen – darum geht es.


Über mich und mein Orientierungsjahr

Ich habe es geliebt, jeden Morgen die Sonne im Neandertal aufgehen zu sehen…

Als ich gerade mein Abitur gemacht habe, hat sich vieles in meinem Leben geändert. Mein ursprünglicher Plan ist es gewesen, Mediengestalter zu werden und in einem Tonstudio zu arbeiten. Die Ausbildung war soweit auch schon in festen Händen – dann begann jedoch ein persönlicher Umbruch. Ich erlangte ein Stück weit mehr Bewusstsein über mein Leben und fragte mich, was ich wirklich wollte. Was mein Herz wollte.
Und das wollte eher die Natur als das stickige Büro. So entwickelte ich den Traum, Förster zu werden.

Mein Weg zu diesem Beruf war ein kleiner Umweg, der sich aber mehr als gelohnt hat. Im Grunde genommen war es eine der besten und wichtigsten Entscheidungen meines Lebens.
Im August 2016 begann mein Dienst als Freiwilliger im Neandertal in der Nähe von Düsseldorf.
Hierbei handelte es sich um ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Vielleicht kannst du eher was mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst anfangen, welche im Kern aber den gleichen Nutzen erfüllen: sie bieten Zeit zur Orientierung.

Ich kam gerade von der Schule und hatte eigentlich keine Ahnung von nichts, habe nie wirklich gearbeitet und hatte lediglich ein klares Ziel vor Augen: mich auf das Forstwirtschaftsstudium vorzubereiten.
Erstmals war ich konfrontiert mit der Arbeit in der Natur. Wir bauten Zäune, fällten Bäume, montierten Bänke und sorgten dafür, dass die Mülleimer an den Wanderwegen geleert wurden (was mein Bewusstsein für Müll wirklich verändert hat). Noch dazu fütterten wir die Tiere im Wildgehege und entmisteten deren Ställe. Außerdem durften wir uns um die Biotope kümmern, hatten also viel mit dem Freischneider zu tun und kamen an Orte, die für die Allgemeinheit nicht zugänglich sind. Ich habe in diesem Jahr unglaublich schöne Orte gesehen – an Plätzen, wo man sie niemals vermuten würde.
Die Arbeit war unfassbar abwechslungsreich, jeder Tag war im Prinzip etwas Neues. Es ging mir wirklich gut in dieser Zeit. Allein zu wissen, dass die Arbeit, die ich mache, etwas Gutes bewirkt und einen Sinn hat, ließ mich mit einem Lächeln aufstehen. Ich konnte bereits viel für das Studium lernen und hatte Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen.
Zum einen der Kreis der Kollegen und Vorgesetzten, die mir alle ihre ganz eigene Lehre mit auf den Weg gaben. Und natürlich die Freiwilligen auf den Seminaren…

Falls du bereits einen Freiwilligendienst hinter dir hast, wirst du jetzt gerade vielleicht auch mit einem Lächeln an diese Tage zurückdenken.
Die Seminare sind einfach unglaublich. Man trifft sich zu fünf verschiedenen Seminaren, welche jeweils fünf Tage dauern. Wir haben dort zum Beispiel die Themen Wasser, Energie und Klima, Globalisierung und Konsum, Naturschutz (im wunderschönen Nationalpark Eifel) und Landwirtschaft behandelt. All diese Themen umgeben uns Tag für Tag und beeinflussen unser Leben drastisch – doch ist unser Bewusstsein einfach nicht geschärft für diese Dinge. Oder aber wir lernen in der Schule nicht wirklich viel darüber, hören nur, dass der Klimawandel bedrohlicher wird und wir in einer Konsumgesellschaft leben. Aber was all das wirklich bedeutet habe ich erst auf diesen Seminaren wirklich begriffen.
Mit kreativen Spielen wurden uns diese Themenblöcke nahe gebracht, jeder Teilnehmer musste eigene Vorträge verfassen und sich somit wirklich mit dem Thema beschäftigen. Mein Bewusstsein wurde dadurch vor allem für die Themen Konsum, Naturschutz und Klima sowie Ernährung und Fleischkonsum (ein großer Teil des Landwirtschaftsseminares) geschärft und hat mich nachhaltig beschäftigt.

Die Arbeit mit den Tieren machte viel mehr Spaß, als ich vorher erwartet habe


Mehr als diese Themen sind mir jedoch die Leute in Erinnerung geblieben, mit denen ich diese Zeit erlebte. Das erste Mal in meinem Leben wusste ich, dass ich bei diesen Leuten ich selbst sein kann. Ich musste mich nicht verstellen und musste auch nicht aufpassen, nicht über spirituelle Themen oder Naturschutz zu sprechen. Natürlich waren dort allerhand unterschiedliche Menschen, aber im Kern verfolgten wir doch einen ähnlichen Traum – unsere Liebe zur Natur zum Beruf machen.
Viele von uns sind am Ende einen anderen Weg gegangen. Zu einigen habe ich noch immer Kontakt und bin dankbar dafür, mich nach wie vor mit diesen Menschen austauschen zu können.
Dadurch habe ich gelernt, dass jeder am Ende seinen eigenen Weg geht. Und es ist absolut nicht schlimm, Umwege in Kauf zu nehmen.

Wenn Du offen für diese Erfahrung bist, wirst Du schnell merken, dass Du dich veränderst. Deine Einstellung, deine Werte, deine Meinung zu verschiedenen Themen, all das ändert sich.
Ich für meinen Teil bin deutlich offener gegenüber anderen Lebensweisen geworden und habe zu dieser Zeit auch damit angefangen, mich für den Buddhismus zu interessieren und zu meditieren.
Jeden Tag stand ich um 4:30 auf um die Bahn zu erwischen und kam selten vor 18 Uhr heim – wo einige mich bemitleideten, erkannte ich endlich, dass ich mehr Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen habe, als ich je erwartet hätte. Ich beschäftigte mich viel mit Psychologie und erkannte zum Beispiel, dass meine Introvertiertheit eigentlich gar keine Schwäche ist – obwohl ich mich jahrelang dafür gehasst habe. Erst seit dem FÖJ erkenne ich sie als eine meiner größten Stärken an, was mein Leben wirklich komplett verändert hat.
All das stärkte mich und ich war das ganze Jahr hindurch einfach zufrieden. Jeden Tag an der frischen Luft mit tollen Kollegen. Ich glaube, ich habe nie so viel gelacht wie in diesem Jahr.

Nach dem FÖJ war ich mir sicher, dass ein grüner Beruf das Richtige für mich ist. Dass es nicht der Förster sein sollte, erkannte ich einige Monate später – nun geht es für mich in die Landschaftsökologie. Das Berufsbild ist ohnehin näher an den Aufgaben des FÖJ orientiert und geht mehr in den Naturschutz. Um Förster zu sein, sollte ich mich wohl etwas wohler mit dem wirtschaftlichen Denken fühlen…

Der Winter war zwar kalt und hart, doch hatte er meistens die schönsten Sonnenaufgänge zu bieten

Auch Umwege erweitern unseren Horizont (Ernst Ferstl)


In meinem Fall war dieses Orientierungsjahr den Umweg vollkommen wert. Ich habe so viele Erfahrungen in so vielen verschiedenen Bereichen gemacht. Ich hatte genügend Zeit, mich selbst von einer neuen Seite kennen zulernen und darüber nachzudenken, wo es eigentlich hingehen soll. Wer ich wirklich sein will.
Im Prinzip ergänzt ein Jahr voller Praxiserfahrung den Lebenslauf, egal ob es ein Freiwilligendienst oder ein Reisejahr ist. Man reift merklich in dieser Zeit und wächst über sich selbst und sein (in der Regel) viel zu beschränktes Weltbild hinaus. Und wenn nicht jetzt, in jungen Jahren, wann dann?
Ich war gerade 20 geworden und war offen für alles, was kam. Es ist nicht unmöglich zu reisen oder Erfahrungen außerhalb des eigentlichen Berufes zu machen, sobald man einmal drin ist. Aber es ist anders. Schwerer.
Wer verlässt gern das sichere Nest, dass man sich aufgebaut hat? Schlimmstenfalls in einem Beruf, der gar nicht zu einem passt, den wir in Wahrheit sogar hassen aber der uns zu viel Geld verdienen lässt, um mutig zu sein und zu uns selbst zu stehen.
Und fürs Reisen bleibt genug Zeit, wenn man Rentner ist. Doch wenn wir dann soweit sind, sind wir körperlich nicht mehr so fit und frei, wie wir uns das in jungen Jahren immer ausgemalt haben. Aus dem abenteuerlichen Roadtrip wird somit eine Kaffeefahrt nach Herzberg am Harz.

Ich kann dir nur empfehlen, dir Zeit zu nehmen. Unsere Lebenszeit ist im Prinzip alles, was wir haben. Und wofür ist das Leben denn da, wenn nicht dafür, es zu erforschen?
In meinen Augen ist es nicht dafür da, jeden Morgen deprimiert aufzustehen, seine Lebenszeit auf der Arbeit ab zu sitzen und dann vor dem Fernseher einzuschlafen, bis der nächste Tag beginnt, genau so grau und traurig wie der Tag zuvor.
Vielleicht hast Du das Glück, einem wirklich erfüllenden Beruf nachzugehen, für den Du gerne früh aufstehst oder viele andere Sachen in Kauf nimmst.
Solltest Du hingegen schon länger im Herzen unzufrieden sein mit deiner Arbeit, frag dich mal, ob Du wirklich so wichtig für deine Firma bist, wie Du dir immer einredest. Meistens gehen wir bis an unsere Grenzen und nehmen Burn-out, Bore-out oder die Vernachlässigung unserer Freunde, Familien und Hobbies in Kauf, nur um eine Arbeitskraft zu sein, die man im Notfall sofort ersetzen könnte. Deine Arbeit ist nicht dein Leben – vor allem nicht, wenn Du morgens so unzufrieden aufstehst.
Das Leben ist so viel mehr…

Falls Du bereits über diese Phase deines Lebens hinaus bist (das FÖJ wird nur bis zum 27. Lebensjahr angeboten), Du aber merkst, dass Du nicht ganz zufrieden mit deinem derzeitigen Leben und Beruf bist, mach Dir doch mal Gedanken über ein Sabbatjahr/Sabbatical. Dies ist ein freies Jahr, in dem Du machen kannst, was du willst – egal ob Reisen, Praktika machen oder Dich einfach nur entspannen und neu kennen lernen. In der Firma nachfragen kann man immer. Einige Länder haben das tatsächlich als Pflicht eingeführt – als Prävention gegen Burn-out!

Hilfreiche Links

https://www.arbeitsagentur.de/bildung/zwischenzeit/freiwilligendienst-leisten

Solltest du gerade ins Grübeln kommen, schau Dir mal den Link an. Es gibt so viele verschiedene Arten des Freiwilligendienstes – ich bin mir sicher, dass Du etwas finden kannst!
Mein FÖJ wurde vom Landschaftsverband Rheinland organisiert und geleitet, meine Einsatzstelle war der Kreisbauhof Mettmann und das Wildgehege Neandertal. Welcher Träger für deinen Wohnsitz und deine Vorstellung der Richtige ist, erfährst Du durch ein bisschen Recherche.
Ich kann meine Einsatzstelle und meinen Träger an dieser Stelle auf jeden Fall empfehlen!

https://www.travelworks.de/

Auf dieser Website findest Du viele Angebote rund um Work and Travel, WOOFING sowie generelle Aufenthalte im Ausland. Ich habe lange Zeit überlegt, nach Kanada zu gehen und im Nationalpark zu arbeiten – stattdessen trat eine nette Frau in mein Leben und alles ist etwas anders verlaufen. Doch wer weiß, wo mich das Auslandssemester hinführen wird…

https://www.sabbatjahr.org/

Unter dieser Adresse findest Du fundierte Informationen zum Sabbatical mit hilfreichen Ideen. Du kannst nur gewinnen 😉

Das Leben ist mehr als ein lückenloser Lebenslauf

Ich denke gern an diese Zeit zurück und hoffe, dass ich Dir einen Denkanstoß geben konnte, wenn Du zur Zeit etwas ratlos bist, wie es weitergehen soll. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten und es tut gut, sich auszuprobieren. Vielleicht entdeckst du Fähigkeiten an dir, die Du nie für möglich gehalten hättest! Oder Du erkennst, dass das, was Du eigentlich machen wolltest, gar nicht wirklich zu dir passt.
Ich kann diese Chance nur wärmstens empfehlen!

Dein Chris 🙂

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