Die Stärken der Introversion

Heute möchte ich gerne mit Dir über ein Thema sprechen, das mich mein ganzes Leben lang schon begleitet: es geht um meine Introvertiertheit.

Ich bin absolut nicht allein damit – laut Studien nehmen Forscher an, dass ein Drittel bis die Hälfte der Weltbevölkerung introvertiert veranlagt ist – doch ich habe mich viele Jahre lang alleine gefühlt. Vielleicht kennst Du es ja – schon in der Kindheit wird man in Schubladen gesteckt, weil man eben so ruhig ist und Probleme damit hat, an größeren Gruppen teilzunehmen und zu sprechen. Ich war schon immer sehr gerne für mich alleine, konnte spielen ohne dass mir langweilig wurde, habe sehr viel nachgedacht oder in meiner eigenen Fantasiewelt gelebt.
Nach und nach hatte ich dann das Gefühl, als sei das nicht richtig.
Als sei ich anders.
Als sei ich falsch.

Mit diesem Denken habe ich mir mein Leben viele Jahre lang sehr schwer gemacht. Dadurch, dass ich mich selbst als komisch und falsch wahrnahm, benahm ich mich automatisch auch komisch, weil ich mich in Gesellschaft absolut unwohl fühlte – ich dachte ja, die anderen finden mich auch komisch. Meine Gedanken und meine Wahrnehmung limitierten mich. Es ist ein Teufelskreis.
Rückblickend merke ich, dass ich im Laufe der Jahre immer stiller wurde, irgendwann auch Angst hatte, zu sprechen und einfach das Gefühl hatte, dass auf dieser Welt kein Platz für mich sei. Neue Leute kennenzulernen war ein Kraftakt und vor allem das Small Talk-geprägte Kennenlernen hat mich immer dermaßen genervt, weil ich diese Oberflächlichkeit nicht verstehen konnte. Lieber sprach ich mit niemandem, als leere Worte auszutauschen. Generell reichten mir daher wenige, tiefgehende Freundschaften statt einen Haufen Leute zu kennen, mit denen ich jedoch nie in Tiefgang kommen würde.

Vielleicht erkennst Du dich gerade wieder – wenn ich mir all das ansehe, erkenne ich deutlich die „Symptome“ eines introvertierten Menschen. In meinem FÖJ entdeckte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Artikel über Introversion. Dieser Moment hat mein ganzes Leben verändert – wirklich!

Plötzlich war ich nicht mehr „anders“ oder „abnormal“. Plötzlich hatte ich viel weniger Probleme, als ich mir seit meiner Kindheit eingeredet habe. Ich konnte meine Schwächen plötzlich als meine Stärken sehen und mir eingestehen, dass ich bin wer ich bin und dass es okay ist, zu sein, wie ich bin. Das war eine unglaubliche Erfahrung.
An dieser Stelle erkläre ich Dir mal, was genau es mit Introversion und Extroversion auf sich hat.

Die Unterschiede zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen

Carl Gustav Jung hat in den 1920er Jahren erstmals die Begriffe Introversion und Extroversion als zwei Extremwerte einer Skala eingeführt, die die grundlegende Wesensart eines Menschen beschreiben sollte.
Dabei erkannte er, dass introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit mehr nach innen richten, während extrovertierte Menschen sehr nach außen hin orientiert sind.
In der späteren Forschung stellte man fest, dass diese Einteilung damit zusammenhängt, wie die Gehirne von Intros und Extros funktionieren – denn tatsächlich arbeiten die Gehirne vollkommen unterschiedlich.

1. Die Reizverarbeitung erfolgt unterschiedlich (Extros brauchen mehr Reize zur Stimulierung, während Intros weniger Reize genügen)

2. Introvertierte haben dauerhaft eine erhöhte Hirnaktivität (die Wendung nach innen dient daher oft als Schutz gegen zu viele Reize von außen)

3. Introvertierte tanken neue Kraft in Ruhephasen (oft allein), während Extrovertierte neue Kraft durch Begegnungen mit Menschen oder Abenteuern tanken

Sowohl Introversion als auch Extroversion sind uns also angeboren und damit Grundzüge eines jeden Menschen. Je nach Erziehung, Umgebung und Gesellschaft kann zwar in geringem Maße Einfluss darauf genommen werden, jedoch sind das eben die grundlegenden Charaktereigenschaften. Schüchternheit, eine Eigenschaft, die introvertierten Menschen sehr oft zugesprochen wird, oft sogar damit gleichgesetzt wird, kann hingegen abtrainiert werden.
Das bringt uns zum nächsten Punkt – viele Extros verstehen nicht, was mit Intros los ist. Für sie wirken wir oft einfach schüchtern. Wir sollen uns mal einen Ruck geben und mitmachen, Spaß haben oder mehr sprechen. Und viele Intros – wie auch ich ganze 20 Jahre lang – glauben, dass wirklich etwas nicht mit ihnen stimmt und versuchen krampfhaft, sich zu ändern und zu integrieren. Die Welt gehört augenscheinlich nun mal den Extrovertierten – wer schnell und laut spricht, wirkt kompetenter. Extros werden schneller wahrgenommen, wirken oft mutig und cool und haben immer einen Spruch auf den Lippen.
Intros hingegen fristen oft ein Nischendasein und werden übersehen. Sie verfolgen eine Diskussion und sobald sie sich im Kopf den passenden Beitrag zurecht gelegt haben, wird bereits über ein ganz anderes Thema gesprochen.

Es fehlt einfach gegenseitiges Verständnis und genauso das Verständnis dafür, wer wir selbst eigentlich sind. Auch da frage ich mich wieder, warum solch simple Aufklärungen, die ohne weiteres in eine einzige Schulstunde passen, in Schulen niemals unterrichtet werden. Vielleicht hört man davon im Psychologie-Kurs, der aber leider an den wenigsten Schulen angeboten wird.
Statt sich Tag für Tag Sorgen zu machen, dass Du nicht normal bist, könntest Du mit dem richtigen Wissen endlich Du selbst sein. Könntest dazu stehen, dass Du nun mal nicht gerne in großen Gruppen sprichst und könntest dazu stehen, dass Du auch mal Zeit für dich brauchst. Natürlich soll diese Erkenntnis kein Freifahrtsschein dafür sein, dich komplett aus der Gesellschaft zurück zu ziehen – das macht Introversion auch nicht aus. Wie immer ist es das gesunde Gleichgewicht, dass jeder für sich selbst finden muss, um optimal mit seiner Energie zu haushalten.
Jedenfalls kannst Du dir guten Gewissens eingestehen, dass Du gut so bist, wie Du bist. Es ist genau wie mit den Leuten in der Werbung – uns werden Ideen als Wahrheit verkauft, wie wir zu sein haben. Alle Männer sollten ein Sixpack haben und alle Frauen sollten aussehen wie Models, schlank und immer geschminkt. Wir sollten alle permanent glücklich sein – wenn nicht, sollten wir uns schnell etwas kaufen, dass uns (garantiert) glücklich machen wird. Und wir sollten alle extrovertiert sein, denn nur wenn wir immer was zu sagen haben und viele Leute kennen, sind wir gute Menschen.

Vielleicht etwas überspitzt – aber ist es nicht so? Warum kann nicht jeder er selbst sein, ohne einem Ideal folgen zu müssen, um „richtig“ zu sein?

Die Stärken eines Introvertierten

Vielleicht machst Du dir noch immer Gedanken darüber, ob deine „Schwächen“ nicht immer noch Schwächen sind. Lies dir die folgenden Stärken mal genau durch – je nachdem mit welcher Einstellung du ran gehst, lesen sie sich noch immer wie Schwächen. Ich habe auch einige Zeit gebraucht, aber mittlerweile erkenne ich sie durchweg als Stärke.

  • Du kannst gut zuhören und hast eine hohe Konzentrationsspanne
  • Du bist ein reflektierter Mensch
  • Du denkst viel nach (manchmal vielleicht zu viel…)
  • Du hast eine gute Verbindung zu deinem Inneren oder kannst diese zumindest leichter herstellen
  • Du bist oft sensibel und ruhig
  • Du bist gern allein
  • Du bist ein aufmerksamer Beobachter
  • Du bist in vielen (vielleicht speziellen) Bereichen sehr gut informiert und hast wirklich Ahnung davon
  • Du strahlst Ruhe aus (und das schätzen die Leute an Dir!)
  • Du bist kreativ
  • Du bist mitfühlend und kannst Dich gut in andere hineinversetzen
  • Du bist sehr besonnen und triffst deine Entscheidungen durchdacht
  • Du hörst und siehst Dir alles in Ruhe an, bevor Du reagierst

Natürlich muss nicht jeder einzelne dieser Punkte passen und vor allem nicht immer – wenn ich zu lange alleine bin, verliere ich mich und fühle mich wirklich nicht gut.
Introvertiert zu sein heißt auch nicht, sofort zu 100 % introvertiert zu sein – wie gesagt, sind Intro- und Extroversion nur zwei Enden einer Skala. Wir alle haben also Anteile beider Extreme in uns. Bei vielen erkennt man eindeutige Tendenzen, andere hingegen bezeichnet man auch als ambivertiert. Diese bewegen sich ziemlich genau in der Mitte – vielleicht kennen und nutzen sie aber auch nur optimal ihre Ressourcen…

Sei Du selbst!

Vielleicht kämpfst Du zur Zeit ja mit diesem Thema – glaub mir, ich kenne die Gefühle, die damit zusammenhängen.
Ich hoffe, dass Dir mein Artikel die Augen ein wenig geöffnet hat und Du dich selbst besser verstehen kannst. Versuch, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und sieh dir mal genau die Eigenschaften an, die Du an dir nicht magst oder die man dir immer wieder schlecht geredet hat und frage dich: Warum sollen diese Eigenschaften schlecht sein?
Und wer kann dir sagen, was an deiner Persönlichkeit richtig und was falsch ist?
Niemand.

Das viele Gerede und den Drang eines Extrovertierten, immer etwas unter Menschen erleben zu müssen kann man genauso schlecht reden wie die Stille und das häufige Alleinsein eines Introvertierten.
Es gibt immer zwei Blickwinkel.

Viele gute Bücher und Internetseiten finden sich mittlerweile zu dem Thema. Ich kann Dir nur empfehlen, dich mehr damit auseinanderzusetzen. Am Ende wirst Du dich, aber auch die Menschen um dich herum deutlich besser verstehen können.

Egal was Du tust, verbieg dich nicht, nur weil andere dir sagen, dass Du falsch bist, wie Du bist. Es hat schon einen guten Grund, warum Du eben Du bist – wer weiß, was Du der Welt noch alles zu geben hast!

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Chris

3 Kommentare zu „Die Stärken der Introversion

  1. Wow! Ich bin dir so dankbar, dass du diesen Artikel geschrieben hast. Dieses Thema beschäftigt mich in letzte Zeit wirklich sehr viel und ich du hast mir mit deinem Beitrag echt Mut gemacht und mir gezeigt, dass ich so gut bin, wie ich bin.
    Danke! rahellyelli

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    1. Hey rahellyelli!

      Das freut mich wirklich sehr! 😊
      Glaub mir, Du bist gut so wie Du bist. Ich versteh genau, wie schwer es ist, das wirklich zu fühlen.
      In Momenten wo ich in großen Gruppen bin, nagen die Selbstzweifel auch immer wieder an mir. Aber im großen und ganzen ist es viel besser geworden 😊
      Ich wünsche Dir Kraft für deinen Weg… 🤗

      Dein Chris

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