Die Stärken der Introversion

Heute möchte ich gerne mit Dir über ein Thema sprechen, das mich mein ganzes Leben lang schon begleitet: es geht um meine Introvertiertheit.

Ich bin absolut nicht allein damit – laut Studien nehmen Forscher an, dass ein Drittel bis die Hälfte der Weltbevölkerung introvertiert veranlagt ist – doch ich habe mich viele Jahre lang alleine gefühlt. Vielleicht kennst Du es ja – schon in der Kindheit wird man in Schubladen gesteckt, weil man eben so ruhig ist und Probleme damit hat, an größeren Gruppen teilzunehmen und zu sprechen. Ich war schon immer sehr gerne für mich alleine, konnte spielen ohne dass mir langweilig wurde, habe sehr viel nachgedacht oder in meiner eigenen Fantasiewelt gelebt.
Nach und nach hatte ich dann das Gefühl, als sei das nicht richtig.
Als sei ich anders.
Als sei ich falsch.

Mit diesem Denken habe ich mir mein Leben viele Jahre lang sehr schwer gemacht. Dadurch, dass ich mich selbst als komisch und falsch wahrnahm, benahm ich mich automatisch auch komisch, weil ich mich in Gesellschaft absolut unwohl fühlte – ich dachte ja, die anderen finden mich auch komisch. Meine Gedanken und meine Wahrnehmung limitierten mich. Es ist ein Teufelskreis.
Rückblickend merke ich, dass ich im Laufe der Jahre immer stiller wurde, irgendwann auch Angst hatte, zu sprechen und einfach das Gefühl hatte, dass auf dieser Welt kein Platz für mich sei. Neue Leute kennenzulernen war ein Kraftakt und vor allem das Small Talk-geprägte Kennenlernen hat mich immer dermaßen genervt, weil ich diese Oberflächlichkeit nicht verstehen konnte. Lieber sprach ich mit niemandem, als leere Worte auszutauschen. Generell reichten mir daher wenige, tiefgehende Freundschaften statt einen Haufen Leute zu kennen, mit denen ich jedoch nie in Tiefgang kommen würde.

Vielleicht erkennst Du dich gerade wieder – wenn ich mir all das ansehe, erkenne ich deutlich die „Symptome“ eines introvertierten Menschen. In meinem FÖJ entdeckte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Artikel über Introversion. Dieser Moment hat mein ganzes Leben verändert – wirklich!

Plötzlich war ich nicht mehr „anders“ oder „abnormal“. Plötzlich hatte ich viel weniger Probleme, als ich mir seit meiner Kindheit eingeredet habe. Ich konnte meine Schwächen plötzlich als meine Stärken sehen und mir eingestehen, dass ich bin wer ich bin und dass es okay ist, zu sein, wie ich bin. Das war eine unglaubliche Erfahrung.
An dieser Stelle erkläre ich Dir mal, was genau es mit Introversion und Extroversion auf sich hat.

Die Unterschiede zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen

Carl Gustav Jung hat in den 1920er Jahren erstmals die Begriffe Introversion und Extroversion als zwei Extremwerte einer Skala eingeführt, die die grundlegende Wesensart eines Menschen beschreiben sollte.
Dabei erkannte er, dass introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit mehr nach innen richten, während extrovertierte Menschen sehr nach außen hin orientiert sind.
In der späteren Forschung stellte man fest, dass diese Einteilung damit zusammenhängt, wie die Gehirne von Intros und Extros funktionieren – denn tatsächlich arbeiten die Gehirne vollkommen unterschiedlich.

1. Die Reizverarbeitung erfolgt unterschiedlich (Extros brauchen mehr Reize zur Stimulierung, während Intros weniger Reize genügen)

2. Introvertierte haben dauerhaft eine erhöhte Hirnaktivität (die Wendung nach innen dient daher oft als Schutz gegen zu viele Reize von außen)

3. Introvertierte tanken neue Kraft in Ruhephasen (oft allein), während Extrovertierte neue Kraft durch Begegnungen mit Menschen oder Abenteuern tanken

Sowohl Introversion als auch Extroversion sind uns also angeboren und damit Grundzüge eines jeden Menschen. Je nach Erziehung, Umgebung und Gesellschaft kann zwar in geringem Maße Einfluss darauf genommen werden, jedoch sind das eben die grundlegenden Charaktereigenschaften. Schüchternheit, eine Eigenschaft, die introvertierten Menschen sehr oft zugesprochen wird, oft sogar damit gleichgesetzt wird, kann hingegen abtrainiert werden.
Das bringt uns zum nächsten Punkt – viele Extros verstehen nicht, was mit Intros los ist. Für sie wirken wir oft einfach schüchtern. Wir sollen uns mal einen Ruck geben und mitmachen, Spaß haben oder mehr sprechen. Und viele Intros – wie auch ich ganze 20 Jahre lang – glauben, dass wirklich etwas nicht mit ihnen stimmt und versuchen krampfhaft, sich zu ändern und zu integrieren. Die Welt gehört augenscheinlich nun mal den Extrovertierten – wer schnell und laut spricht, wirkt kompetenter. Extros werden schneller wahrgenommen, wirken oft mutig und cool und haben immer einen Spruch auf den Lippen.
Intros hingegen fristen oft ein Nischendasein und werden übersehen. Sie verfolgen eine Diskussion und sobald sie sich im Kopf den passenden Beitrag zurecht gelegt haben, wird bereits über ein ganz anderes Thema gesprochen.

Es fehlt einfach gegenseitiges Verständnis und genauso das Verständnis dafür, wer wir selbst eigentlich sind. Auch da frage ich mich wieder, warum solch simple Aufklärungen, die ohne weiteres in eine einzige Schulstunde passen, in Schulen niemals unterrichtet werden. Vielleicht hört man davon im Psychologie-Kurs, der aber leider an den wenigsten Schulen angeboten wird.
Statt sich Tag für Tag Sorgen zu machen, dass Du nicht normal bist, könntest Du mit dem richtigen Wissen endlich Du selbst sein. Könntest dazu stehen, dass Du nun mal nicht gerne in großen Gruppen sprichst und könntest dazu stehen, dass Du auch mal Zeit für dich brauchst. Natürlich soll diese Erkenntnis kein Freifahrtsschein dafür sein, dich komplett aus der Gesellschaft zurück zu ziehen – das macht Introversion auch nicht aus. Wie immer ist es das gesunde Gleichgewicht, dass jeder für sich selbst finden muss, um optimal mit seiner Energie zu haushalten.
Jedenfalls kannst Du dir guten Gewissens eingestehen, dass Du gut so bist, wie Du bist. Es ist genau wie mit den Leuten in der Werbung – uns werden Ideen als Wahrheit verkauft, wie wir zu sein haben. Alle Männer sollten ein Sixpack haben und alle Frauen sollten aussehen wie Models, schlank und immer geschminkt. Wir sollten alle permanent glücklich sein – wenn nicht, sollten wir uns schnell etwas kaufen, dass uns (garantiert) glücklich machen wird. Und wir sollten alle extrovertiert sein, denn nur wenn wir immer was zu sagen haben und viele Leute kennen, sind wir gute Menschen.

Vielleicht etwas überspitzt – aber ist es nicht so? Warum kann nicht jeder er selbst sein, ohne einem Ideal folgen zu müssen, um „richtig“ zu sein?

Die Stärken eines Introvertierten

Vielleicht machst Du dir noch immer Gedanken darüber, ob deine „Schwächen“ nicht immer noch Schwächen sind. Lies dir die folgenden Stärken mal genau durch – je nachdem mit welcher Einstellung du ran gehst, lesen sie sich noch immer wie Schwächen. Ich habe auch einige Zeit gebraucht, aber mittlerweile erkenne ich sie durchweg als Stärke.

  • Du kannst gut zuhören und hast eine hohe Konzentrationsspanne
  • Du bist ein reflektierter Mensch
  • Du denkst viel nach (manchmal vielleicht zu viel…)
  • Du hast eine gute Verbindung zu deinem Inneren oder kannst diese zumindest leichter herstellen
  • Du bist oft sensibel und ruhig
  • Du bist gern allein
  • Du bist ein aufmerksamer Beobachter
  • Du bist in vielen (vielleicht speziellen) Bereichen sehr gut informiert und hast wirklich Ahnung davon
  • Du strahlst Ruhe aus (und das schätzen die Leute an Dir!)
  • Du bist kreativ
  • Du bist mitfühlend und kannst Dich gut in andere hineinversetzen
  • Du bist sehr besonnen und triffst deine Entscheidungen durchdacht
  • Du hörst und siehst Dir alles in Ruhe an, bevor Du reagierst

Natürlich muss nicht jeder einzelne dieser Punkte passen und vor allem nicht immer – wenn ich zu lange alleine bin, verliere ich mich und fühle mich wirklich nicht gut.
Introvertiert zu sein heißt auch nicht, sofort zu 100 % introvertiert zu sein – wie gesagt, sind Intro- und Extroversion nur zwei Enden einer Skala. Wir alle haben also Anteile beider Extreme in uns. Bei vielen erkennt man eindeutige Tendenzen, andere hingegen bezeichnet man auch als ambivertiert. Diese bewegen sich ziemlich genau in der Mitte – vielleicht kennen und nutzen sie aber auch nur optimal ihre Ressourcen…

Sei Du selbst!

Vielleicht kämpfst Du zur Zeit ja mit diesem Thema – glaub mir, ich kenne die Gefühle, die damit zusammenhängen.
Ich hoffe, dass Dir mein Artikel die Augen ein wenig geöffnet hat und Du dich selbst besser verstehen kannst. Versuch, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und sieh dir mal genau die Eigenschaften an, die Du an dir nicht magst oder die man dir immer wieder schlecht geredet hat und frage dich: Warum sollen diese Eigenschaften schlecht sein?
Und wer kann dir sagen, was an deiner Persönlichkeit richtig und was falsch ist?
Niemand.

Das viele Gerede und den Drang eines Extrovertierten, immer etwas unter Menschen erleben zu müssen kann man genauso schlecht reden wie die Stille und das häufige Alleinsein eines Introvertierten.
Es gibt immer zwei Blickwinkel.

Viele gute Bücher und Internetseiten finden sich mittlerweile zu dem Thema. Ich kann Dir nur empfehlen, dich mehr damit auseinanderzusetzen. Am Ende wirst Du dich, aber auch die Menschen um dich herum deutlich besser verstehen können.

Egal was Du tust, verbieg dich nicht, nur weil andere dir sagen, dass Du falsch bist, wie Du bist. Es hat schon einen guten Grund, warum Du eben Du bist – wer weiß, was Du der Welt noch alles zu geben hast!

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Chris

Meine Zukunft ist grün

Nachdem Coco nun mehr über sich und ihr Studium erzählt hat, möchte ich euch etwas mehr über mich erzählen.

Meine letzten Beiträge haben sich zum Großteil um Persönlichkeitsentwicklung gedreht. Es waren immer Themen, die mich selbst interessieren und mit denen ich selber noch zu kämpfen habe – drüber zu schreiben und mich mit den Themen zu beschäftigen, hilft mir einfach am meisten. Und bestenfalls helfe ich dir damit, wenn Du es liest und es dir eine neue Perspektive eröffnet.
Neben der Persönlichkeitsentwicklung interessiere ich mich noch sehr für Spiritualität (wobei ich es sehr schwer finde, Gedanken aus diesem Bereich in Worte zu fassen) und für fernöstliche Philosophie – dazu werde ich in Zukunft noch einiges schreiben (besonders über den Buddhismus, den Taoismus und den Konfuzianismus).

Meine erste Wanderung allein in der Sächsischen Schweiz

Ein wichtiger Teil meines Lebens war schon immer die Natur. Mit meinem Vater war ich viel im Wald und nahm viel von seiner Begeisterung für die Natur mit. Er starb als ich 12 Jahre alt war und von da an konnte ich viele Jahre nicht mehr in den Wald gehen, ich verdrängte diesen Teil in mir regelrecht. Stattdessen plante ich irgendwann, Mediengestalter zu werden und im Tonstudio zu arbeiten. Mit 18 Jahren brach dann alles aus mir raus und ich konnte es wieder genießen, in der Natur zu sein. Ich liebte es, im Wald zu sein und verbrachte quasi meine gesamte Freizeit dort.
Ich hatte bereits eine Ausbildungsstelle zum Mediengestalter in Düsseldorf sicher, entschied mich zum Glück in letzter Sekunde dagegen und begann mein FÖJ im Neanderthal – die wohl beste Entscheidung meines Lebens. Dort erkannte ich, dass meine Zukunft in der Natur liegt.

Mein Weg führte im Sommer 2017 ins wunderschöne Göttingen, wo ich Forstwirtschaft studierte. Ich wollte mit ganzem Herzen Förster werden. Es hat mich wirklich aus der Bahn gekickt, als ich realisiert habe, dass ich kein Förster werden kann. Zu wichtig war mir der Naturschutz und ich habe im Studium gemerkt, dass ich absolut kein Wirtschaftstyp bin. Natürlich kann man auch als Förster etwas für den Naturschutz tun, aber es hat sich einfach nicht richtig angefühlt.
Nichts desto trotz lernte ich sehr viel über das Leben und vor allem über mich selbst in Göttingen und habe dort tolle Leute kennengelernt.          

Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als später einen grünen Beruf auszuüben und etwas zu tun, was den Menschen und der Natur helfen kann. Als Grundlage dafür studiere ich seit letztem Jahr Landschaftsökologie in Münster, ein verdammt interessanter Studiengang, der so ziemlich alle Bereiche der Natur und Umwelt abdeckt und ein gutes Verständnis über die Welt, in der wir leben, vermittelt. Für mich wird die Natur immer voller Mystik und Magie sein, doch manchmal glaube ich, je mehr ich verstehe, umso mehr staune ich über all das, was uns umgibt.
Grundsätzlich kann ich das Studium jedem empfehlen, der einen Beruf in der Natur anstrebt. Es enthält zwar im Grundstudium viel Mathe, Chemie und Physik, aber so ziemlich jedes Studium hat im Grundstudium seine negativen Seiten. An sich überwiegen hier die guten Seiten – viele Exkursionen um Flora und Fauna besser kennen zu lernen, eine ziemlich interessante Biologie-Vorlesung sowie Grundlagen in Geologie, Tier- und Vegetationsökologie. Da ich erst im zweiten Semester bin, kann ich noch keine aussagekräftige Meinung über das gesamte Studium abgeben – ich bin aber wirklich zufrieden. Es erwarten mich noch einige trockene Sachen aber auch spannende Module wie Klimatologie oder Landschaften und Lebensräume.

Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was in uns liegt. Wenn wir das, was in uns liegt, nach außen in die Welt tragen, geschehen Wunder.
– Henry David Thoreau

Ich weißt nicht, wo mein Weg hinführt und wie genau er verlaufen wird, doch mein Ziel ist es, Ranger im Nationalpark zu sein.
Es ist mein Traum in der Umweltbildung den Menschen die Natur nahe zu bringen und ihre Augen für das zu öffnen, was uns jeden Tag umgibt aber so alltäglich scheint, dass es den Wert für uns verliert. Irgendwelche Forschungsberichte in Wissenschaftszeitschriften zu veröffentlichen wird uns nicht retten. Ein ausgewählter Kreis von Leuten wird über diese Forschungen diskutieren und weiterforschen, doch all das ist zu realitätsfern für mich.
Ich möchte Kindern zeigen, was Natur bedeuten kann – vor allem denen, die in der Stadt aufwachsen und wirklich nicht mehr viel mit Natur zu tun haben. Auch Erwachsene können noch viel über die Natur lernen, sei es durch Achtsamkeits- oder Sinnesübungen im Wald.
Ich denke, darin liegt die Antwort auf unsere Probleme. Auf diesem Wege können wir die Generationen nach uns wieder für die wichtigste Grundlage sensibilisieren, die wir haben. Vor allem Kinder nehmen so viel aus der Umweltbildung mit – ich habe schon häufig gesehen, wie sehr Kinder sich freuen, wenn sie merken, dass sie etwas aus dem Wald essen können. Das ist das absolute Highlight für sie.
Es gibt so viele Wege, das nötige Bewusstsein in unserer Gesellschaft zu wecken. Natürlich wollte ich weiter oben weder die Wissenschaft, noch die Forscher die dahinter stehen schlecht reden. Die Wissenschaft ist ein entscheidender Teil unseres Lebens, doch sie ist nicht alles – und kein „Alltagsmensch“ liest sich gerne wissenschaftliche Publikationen durch. Was wir brauchen, sind Menschen, die diese wichtigen Ergebnisse in Alltagssprache umformen und der breiten Masse zugänglich machen.
Autoren wie Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) haben sehr viele Gegner, doch letzten Endes sensibilisieren sie die Massen für unsere Umweltproblematik. Über die benutzte Sprache oder die zum Teil nicht bewiesenen Aussagen in den Büchern kann man streiten, doch das sind die Leute, die den Wandel vorantreiben und dafür sorgen, dass Menschen sich wiederum für Umweltbildung interessieren und Wildniskurse oder Exkursionen besuchen, Mitglied im NABU oder BUND werden, Müll sammeln oder einfach die Natur mehr wert schätzen. Bevor man die Autoren dieser Bücher also blind verurteilt, sollte man dankbar sein für das Bewusstsein, was sie in der Gesellschaft wecken.

In Zukunft möchte ich öfter etwas über Natur und Umwelt schreiben – vielleicht nimmst Du ja etwas davon in deinen Alltag mit und siehst die Natur mit anderen Augen.
Das ist generell meine Motivation hinter diesem Blog. Ich hoffe einfach, dass Du zur richtigen Zeit den richtigen Artikel findest und eine neue Perspektive gewinnst. Das ist mir schon selbst bei anderen Blogs passiert – ich hatte eine schwierige Zeit und habe genau zur rechten Zeit ein passendes Zitat oder eine passende Idee gelesen, die alles verändert hat und mich wieder hochgebracht hat.
Mit etwas Glück schaffen Coco und Ich das auch bei dir.
Genauso geht es mir auch mit der Umweltbildung – wenn ein kleines Kind fasziniert ist von dem, was ich ihm später zeigen kann, war das ganze Studium, all das was ich bisher gelernt habe, nicht umsonst. Das ist mittlerweile meine Vorstellung von einer Berufung, die mich glücklich macht.

An der Stelle wüsste ich gern, was Dich interessiert. Gibt es Themen, die Du gerne bei uns sehen würdest? Wir sind immer offen für Ideen.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Chris

Darum sammel ich Müll!

Man kann den Frühling nicht mehr leugnen. Die Tage werden wärmer und die Wälder strahlen wieder im schönsten Grün. Immer mehr Menschen zieht es wieder in die Natur und immer mehr Müll wird dabei hinterlassen.

Wir mussten viermal mit vollbeladenem Wagen zum Bauhof zurück…


In meinem FÖJ stand jeden Freitag die Mülltour an. Wir sind den ganzen Tag lang mit dem Dienstwagen durch das Neanderthal gefahren und haben alle Mülleimer an den Wanderwegen entleert und allen Müll eingesammelt, den wir finden konnten. Es war teilweise faszinierend und erschreckend zu sehen, was Menschen im Wald entsorgen. Von benutzten Kondomen bis zu giftigen Baustoffen und mehreren Kilo abgelaufenem Fleisch war so ziemlich alles dabei. Diese Tage waren oft die ekeligsten, aber auch die schönsten, weil ich wirklich das Gefühl hatte, sinnvolle Arbeit zu machen.

„Ich verstehe nicht, warum wir, wenn wir etwas zerstören, das von Menschen geschaffen wurde, es Vandalismus und wenn wir etwas zerstören, das von der Natur erschaffen wurde, es Fortschritt nennen.“
 – Ed Begley Jr.

Vor kurzem begegnete mir das Thema auf Julias Blog „greenandwhales“ wieder – sie hat einen guten Artikel über das Müllsammeln geschrieben, der bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Es hat mich inspiriert, zu sehen, dass sich Menschen für das Müllsammeln einsetzen und es vor allem auch selbst praktizieren.
Ich wohne direkt am Wald, daher liegt es mir ganz besonders am Herzen, ihn sauber zu halten. Ich zog los und hatte nach meinem Spaziergang eine große Tüte voll mit Hundebeuteln, Taschentüchern, Schnapsflaschen und diversen Plastikteilen.
Manchmal verlieren Leute aus Versehen ihren Müll. Aber seine Hundebeutel in den Wald zu schleudern finde ich eine schwache Leistung. Da kann man den Haufen fast schon besser am Weg liegen lassen.

Ich habe für mich wieder gemerkt, wie gut es mir tut, diese Arbeit zu erledigen. Es ist einfach sinnvoll und wichtig! Bei dem tollen Wetter die letzten Tage kommt man auch raus, lernt die Natur vor seinem Haus besser kennen und findet vielleicht sogar Menschen, die mithelfen! In einer Gruppe zu sammeln kann auch Spaß machen und fühlt sich angenehmer an, als alleine zu sammeln. Oft hört man dumme Sprüche, oft kommt aber auch Lob und Anerkennung für diese Arbeit! Und das ist einfach ein schönes Gefühl.

Was man halt so findet…

Fakten zum Verbleib von Müll in der Natur

  • Plastik im Wald kann durch Bäche und Flüsse ins Meer gelangen, wird von Fischen gefressen und landet wieder auf unserem Teller (Mikroplastik ist ein Thema für sich …)
  • Tiere verfangen sich im Abfall (Stadttauben haben oft verkrüppelte Füße, weil sie sich in Haaren und Müll verfangen und dann absterben)
  • Biotope können durch Müllentsorgung im Wald zerstört werden, wenn wertvolle Pflanzen plattgedrückt werden oder nicht mehr die nötige Sonne zum Wachsen bekommen
  • Gartenabfälle können Pflanzen in den Wald bringen, die dort nicht hingehören und in das bestehende Waldökosystem eingreifen (einige von euch kennen wohl den Riesenbeerenklau, auch bekannt als Herkulesstaude. Sie gelangte ebenfalls über illegale Gartenabfälle in unsere heimische Natur, ist phototoxisch, das heißt nach Kontakt lösen Sonnenstrahlen heftige Verbrennungen auf der menschlichen Haut aus, und es bedarf vieler Jahre, sie vollständig aus den Böden zu entfernen)
  • Beim Regen werden Schadstoffe aus Verpackungen gelöst und gelangen durch den Boden in unser Grundwasser (und werden von den umliegenden Pflanzen über die Wurzeln aufgenommen)

Es geht hier gerade nur um Probleme in unseren Wäldern und Landschaften. Ich kenne mich nicht gut genug mit dem Meer und dem Abfallproblem in den Ozeanen aus, um hier fundierte Aussagen zu machen. Darüber kann man ganze Bücher schreiben. In jedem Fall ist die derzeitige Lage äußerst erdrückend und bedrohlich und zwingt uns zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag.
Du findest viele gute Blogs zu diesen Themen, zum Beispiel Umweltgedanken, Oceanamp, einfachbewusst, simplyzero, ahungrymind und greenandwhales!

Es lohnt sich wirklich, sich mehr mit diesen Themen zu befassen. Auch ohne radikale Änderungen kann jeder von uns seinen eigenen, kleinen Teil zu einer besseren Zukunft beitragen.

Die Natur kann ohne den Menschen, doch der Mensch nicht ohne die Natur.

Ich möchte mit diesem Beitrag einfach auf die Problematik hinweisen und dafür sensibilisieren – vielleicht inspiriert es dich ja oder Du überdenkst dein eigenes Verhalten zum Thema.
Mein Verhalten war lange Zeit nicht sonderlich vorbildlich, irgendwann (vor allem durch das FÖJ) habe ich aber erkannt, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit unserer Natur ist!
Sich mit unseren Umweltproblemen zu beschäftigen ist immer wieder ernüchternd und macht mir Angst. Gleichzeitig merke ich, wie viele Menschen aufwachen und sich für Nachhaltigkeit, für Natur- und Umweltschutz und für die Zukunft der Erde interessieren. Und das macht mir Mut!

Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.
– Stefan Zweig

Genieß die schönen Tage in der Natur! Nimm einfach jeden Tag eine Sache mit, die Du auf dem Boden findest. Damit machst Du die Welt schon ein kleines bisschen besser!

Dein Chris

Warum uns Loslassen so glücklich macht

Einst wanderten zwei Mönche durch die Berge. Auf dem Weg zum Kloster begegneten sie einer jungen Frau, die den Fluss nicht überqueren konnte, ohne ihre Kleider nass zu machen. Der Ältere der beiden Mönche hob sie auf die Schultern, trug sie hinüber und setzte sie ab. Schweigend wanderten die beiden Mönche weiter, bis der Jüngere seine Wut nicht mehr verbergen konnte. „Wie konntest du der Frau helfen, wo du doch weißt, dass uns der Kontakt zu Frauen streng verboten ist. Das war falsch von dir.“
Der ältere Mönch erwiderte ruhig: „Ich habe die Frau am Flussufer abgesetzt. Warum trägst du sie immer noch?“ (Buddhistische Anekdote)

Vielleicht fallen dir bei dieser Geschichte spontan Situationen aus deinem eigenen Leben ein, in denen du der junge Mönch warst oder jemanden kanntest, der sich so verhalten hat. Loslassen fällt vielen Menschen schwer und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht immer einfach ist. Es gibt so viel in unserem Leben, an dem wir haften, was wir nicht loslassen wollen oder können – wir klammern uns an unseren Partner, unsere Freunde, an den neuen Wagen, an unsere Träume und Vorstellungen und vor allem klammern wir uns an uns selbst, an unsere Gedanken und Gefühle.

Warum Loslassen so schwer ist

Wir bauen uns über Jahre hinweg ein eigenes Leben auf. Besitz wird angehäuft, Glaubenssätze werden übernommen – am Ende identifizieren wir uns über all die Sachen, die wir in unser Leben holen. Wir entwickeln eine Idee unserer Persönlichkeit, die nicht mehr als ein bloßes Konstrukt ist – unser Ego. Unser Umfeld zwängt uns in Rollen und wir sind gezwungen, zu schauspielern.
Ich sah mich immer als Klassenclown und irgendwann sahen auch die anderen mich so – auch, als ich schon längst keiner mehr sein wollte. Aber trotzdem zwang ich mich, immer dann einen dummen Spruch zu bringen, wenn die anderen einen dummen Spruch erwarteten – schließlich war das meine Aufgabe.
Die Angst überkommt uns, wenn wir daran denken, dieses Ich loszulassen. All die Statussymbole loszulassen, die uns definieren und unserem Umfeld zeigen, wer wir eigentlich sind. Genauso haften wir unseren Gedanken und Gefühlen an, die wir immer wieder so ernst nehmen, dass wir denken, wir seien unsere Gedanken und Gefühle. Doch wenn wir sie loslassen – wer oder was sind wir dann?

Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche. (Lao Tse)

Unser „Ich“ und „mein“ loszulassen, fühlt sich erst mal an, als würden wir unsere Identität verlieren. Doch das einzige, was wir verlieren, ist eine Illusion; ein Trugbild. Vielmehr gewinnen wir dadurch, dass wir den Filter des Ichs ablegen und die Welt ohne all diese Vorbehalte sehen dürfen. Schau dich mal um – vielleicht sitzt du gerade daheim und siehst all die Sachen die dir gehören. Sind da welche bei, von denen du denkst, dass sie dich in irgendeiner Art und Weise definieren? Kommt Angst in dir hoch, wenn du dir vorstellst, dass diese Gegenstände nun weg wären?
So geht es mir zumindest, wenn ich mir meine Gitarren ansehe. Ich definiere mich schon in gewisser Hinsicht über sie und sie machen mich glücklich.

Wer wäre ich nun, wenn die Gitarren geklaut werden oder verbrennen? Ich wäre immer noch ich.
Klar, ich wäre traurig und sie würden mir fehlen. Aber im Grunde genommen ändert sich nichts. Und das ist das Band zwischen dem Ego und dem Loslassen und warum sich beides nicht vereinen lässt – mein Ego ist abhängig von den Gitarren und „stirbt“, wenn sie nicht mehr Teil meines Lebens sind. Ich mache mein Glück davon abhängig, diese Gitarren in meinem Leben zu haben. Und diese Abhängigkeit zu erkennen, das ist das Wichtige.
Die Gitarre kannst du durch alles ersetzen, was für dich diesen Platz einnimmt. Hobbygegenstände sind super dafür, aber auch Statussymbole, Glücksbringer oder Erbgegenstände. Dir bewusst zu werden, dass du dein Glück oder Wohlbefinden von diesen Dingen abhängig machst, nimmt den Gegenständen bereits die Macht. Ich fordere keineswegs dazu auf, diese Sachen wegzuschmeißen um sich frei zu machen –das ist nicht des Rätsels Lösung. Es ist schön, wenn diese Sachen dich glücklich machen. Aber dein Leben ist nicht vorbei, wenn sie verloren gehen. Und das könnte immer passieren – sei es durch Einbruch oder Wohnungsbrand. Spätestens im Moment des Todes bringen dir diese Gegenstände gar nichts mehr.

Also: Bewusstsein ist alles. Du bist mehr als die Gegenstände, über die dein Ego sich definieren möchte – lass einfach los.

Wie lasse ich wirklich los?
In den tiefsten, schmerzhaftesten Krisen wurde mir dauernd geraten, doch einfach loszulassen. Manchmal packte mich die Wut, so einen realitätsfremden Ratschlag zu bekommen, während ich in den schlimmsten Situationen gefangen war.
Tja, letztendlich war das Loslassen doch immer das Wichtigste in all meinen Krisen. Doch während man so mit sich selbst und seinen Gefühlen kämpft, ist „einfach loslassen“ ganz und gar nicht mehr einfach – aber möglich!

Woran klammerst du dich?
Es ist wichtig, dir zu aller erst bewusst zu werden, woran du dich eigentlich klammerst. Was hält dich zurück im Leben? Und wieso?
Was könnten Vor- und Nachteile deines Loslassens sein? Was kannst du gewinnen?

Lerne, das Leben anzunehmen wie es ist
Loslassen ist ein Synonym für Annehmen. Jede einzelne Situation im Leben anzunehmen ist schwer, doch mit jeder Situation, die du annimmst und akzeptierst, wächst du – und verstehst, dass das Leben nun einmal eigene Geschichten schreibt. Indem du bewusst darauf verzichtest, an deinen Träumen und Vorstellungen des „perfekten Lebens“ zu klammern, lässt du los und gewinnst Gelassenheit und Lebensfreude zurück – einfach, weil du bereit bist, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Das soll nicht bedeuten, dass du aufhören sollst, deinen Lebensträumen zu folgen – manchmal gelangst du aber an einen Punkt, an dem du dir eingestehen solltest, dass es vorbei ist.

Beschäftige dich mit Minimalismus

Ich finde den Minimalismus als Lifestyle unheimlich interessant, denn man lernt unfassbar viel über sich selbst und das Leben im Allgemeinen dabei. Zwar bezieht er sich eher auf materielle Sachen, doch auch da spielen unsere Gefühle und Identifikationen mit den Dingen ja eine große Rolle. Bewusst zu entscheiden, was ich wirklich zum Leben brauche, ist ein spannender Prozess und führt bei mir immer wieder dazu, dass ich mit voller Freude ausmiste und die Sachen, die ich behalte, umso mehr zu schätzen weiß.
Eine gute Methode, um zu lernen, was man wirklich benötigt und zu sehen, warum man eigentlich an gewissen Dingen haftet.

Suche immer das Positive
Wenn es um vergangene Situationen oder Schicksalsschläge geht, hilft es enorm, das Positive im Geschehenen zu suchen. Manchmal dauert es lange, bis wir etwas finden – aber ich verspreche dir, es gibt etwas Positives! Schicksalsschläge stärken uns zum Beispiel oft oder lassen uns erkennen, wie wertvoll das Leben und die Menschen um uns herum sind – das erkannt zu haben sehe ich als äußerst positiv an.

Sei dankbar!

Dankbarkeit in deinen Alltag zu integrieren, ist das Beste was du machen kannst. Es gibt so viele Gelegenheiten im Alltag, in denen du dankbar sein kannst und je mehr du dich darauf konzentrierst, desto empfänglicher wirst du dafür. Loszulassen fällt deutlich einfacher, wenn man dankbar ist – denn dadurch nimmst du das Leben automatisch so an, wie es ist und machst dir bewusst, für wie viel im Leben man sich eigentlich freuen kann. Vielleicht helfen dir meine Denkanstöße, ein bisschen mehr loszulassen – vielleicht kennst du aber selbst ein paar gute Taktiken dafür, die anderen Menschen weiterhelfen können. Teil sie gerne mit uns!

Dein Chris

Erwarte nicht zu viel von diesem Beitrag

„Die größten Enttäuschungen haben ihren Ursprung in zu großen Erwartungen.“ (Ernst Ferstl)

Erwartungen durchziehen Dein ganzes Leben, zu jeder Zeit und in jedem Lebensbereich. Du erwartest, dass das Wetter sich an den Wetterbericht hält und Du einen sonnigen Urlaub haben wirst. Du erwartest, dass jeder in deinem Umkreis dir mit Respekt begegnet. Du erwartest, dass Du wenig Leid und viel Glück im Leben erfährst, niemals schlecht drauf bist und ein perfektes Leben führst. Fazit vorweg: Du erwartest zu viel.

Du machst dich abhängig von deinen Erwartungen, da Du nur zufrieden und glücklich bist, wenn sie auch eintreffen. Im Umkehrschluss lässt dich jede unerfüllte Erwartung enttäuscht zurück. Du stellst Erwartungen an etwas, weil Du denkst, Du hättest ein Recht darauf. Vor allem in Beziehungen kommt das Thema immer wieder auf und führt zu ernsthaften Problemen – so wünsche ich mir doch von meinem Partner, dass er mich glücklich macht, dass er meine Wunden aus der Kindheit heilt, mich gut fühlen lässt…
In Wahrheit wünsche ich mir das nicht. Ich sehe das als mein Recht an, ich erwarte das von meinem Partner. Doch kein Partner der Welt kann dieser Erwartung gerecht werden – es liegt ganz allein an mir.


„Habe Hoffnungen, aber niemals Erwartungen. Dann erlebst du vielleicht Wunder, aber niemals Enttäuschungen.“

Keine Frage, Erwartungen helfen dir auch in gewisser Hinsicht, im Leben voranzukommen. Oft werden Erwartungen aber mit Zielen verwechselt, und das ist ein grundlegender Fehler!
Erwartungen lassen dich, wie der Name schon sagt, warten. Du wartest darauf, dass etwas eintritt, Du bist also passiv. Ziele hingegen lassen dich aktiv sein, denn Du arbeitest daran, dieses Ziel zu erfüllen.
Ein Beispiel dafür ist zum Beispiel eine Party. Du kannst erwarten, dass Du dort mit Leuten ins Gespräch kommst, einen guten Abend haben und glücklich wieder ins Bett fallen wirst, sobald der Abend vorbei ist.
Du kannst aber auch das Ziel haben, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, kannst dir das Ziel setzen, einen guten Abend zu haben. Der Unterschied dabei ist, dass Du dich im zweiten Fall selbst dafür verantwortlich siehst, etwas aus dem Abend zu machen. Statt mit einem Drink in der Ecke zu stehen und auf die attraktive Frau zu warten, die dich anspricht, gehst Du selbst auf sie zu. Statt auf eine Tanzaufforderung zu warten, gehst Du einfach tanzen – irgendwer wird dann sowieso mittanzen.
Deshalb ist Selbstverantwortung eng mit den Erwartungen verknüpft – Du gibst deine Mündigkeit und Eigenverantwortung durch Erwartungen komplett ab. Außerdem gibst Du die Offenheit ab, die Du brauchst, um ein zufriedenes Leben zu führen. Erwartungen lassen dich voreingenommen sein. Du versteifst dich geradezu auf deine Erwartungen und lässt anderen Möglichkeiten gar keinen Platz in deinem Leben.

Stell dir vor, Du reist in ein fremdes Land. Mit im Gepäck sind Vorurteile und Halbwissen von Leuten, die eine Doku über das Land gesehen haben oder deren Bekannte einmal dort Urlaub gemacht haben. So erwartest Du bereits vor deiner Ankunft Menschen, denen du nicht vertrauen kannst, oberflächliche Menschen, unfreundliche Menschen. Du kannst diese Liste ewig fortführen. Der Punkt ist, dass Du deinen Fokus dann darauf lenkst, deine Erwartungshaltung zu bestätigen. Und Du wirst die Menschen finden, von denen Du glaubst, sie zu finden – jedes Land hat solche Menschen.
Deshalb erkundige ich mich vor Reisen gerne möglichst wenig über das Land oder die Leute – da ich so automatisch etwas unvoreingenommener bin. So ist man direkt offener für die freundlichen, gut gesinnten Bewohner eines Landes.
Das kann natürlich auch mal nach hinten losgehen, aber das wiederum ist meistens eine Geschichte, die man nach dem Urlaub mit einem Grinsen erzählen kann.

Das Leben so, wie es ist, annehmen zu können, ist eine wunderbare Fähigkeit, beinahe ein Talent. Es erfordert Übung, doch es macht wirklich alles leichter.
Annehmen heißt allerdings nicht, etwas gut zu heißen. Es heißt lediglich, die Situation zu akzeptieren, wie sie ist. Und genau so kannst Du die destruktive Wirkung von Erwartungen minimieren – indem Du dir bewusst machst, dass Erwartungen unsere subjektiven Wünsche sind, und dass wir auf deren Erfüllung keinerlei Anspruch haben. Das Leben ist meistens nicht so, wie wir es haben wollen, und egal wie unangenehm das Leben in dieser Hinsicht ist, wir müssen es erst annehmen, bevor wir etwas verändern können. Aber dich nur zu ärgern und an deinen Erwartungen festzuklammern, kostet Energie und Nerven.


Wie komme ich aus meiner Erwartungshaltung raus?

  1. Werde dir deiner Erwartungen bewusst
    Beobachte aufmerksam, wann Du in eine Erwartungshaltung gehst. Ist es vor dem Treffen mit einem Freund? Vor einer Party? Vor einem Kinobesuch?
    Wir befinden uns wirklich häufig in Erwartungshaltungen. Allein, uns bewusst zu werden, wann wir wieder in eine Erwartungshaltung rutschen, hilft uns, uns aus diesem Zwang zu lösen.
  2. Nehme das Leben an
    Übe dich darin, das Leben einfach so zu nehmen wie es kommt. Dir, sobald eine deiner Erwartungen nicht eingetroffen ist, einfach zu sagen: Schade. Aber so wie es ist, ist es eigentlich auch gut.
    Suche die guten Seiten der derzeitigen Situation – es gibt sie. Immer.
  3. Hoffnungen statt Erwartungen
    Formuliere deine Erwartungen einfach mal um. Statt zu erwarten, dass dein Freund dir einen Strauß Rosen mitbringt, hoffe einfach darauf. Natürlich kann es auch enttäuschend sein, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wird, aber glaub mir, es ist etwas anderes, als wenn jemand deine Erwartung übergeht.
  4. Wie fühlen sich fremde Erwartungen für dich an?
    Genauso wie Du Erwartungen an dein Umfeld hast, haben diese Menschen auch Erwartungen an dich. Der Chef erwartet von dir ein gepflegtes Äußeres, der beste Freund erwartet von dir, dass Du dich meldest und die Lehrer erwarten von dir, dass Du lernst. Üben diese Erwartungen einen Druck auf dich aus? Auf mich jedenfalls schon. Und bei manchen Erwartungen, die Leute an mich haben, merke ich, dass ich die weder erfüllen will, noch kann. Da komme ich oft ins Nachdenken – wie fühlen sich meine Erwartungen für andere Personen an? Macht es Sinn, diese Erwartungen an meine Mitmenschen zu stellen?
  5. Gestehe dir deine Selbstverantwortung zu
    Übernehme selbst die Verantwortung für dein Leben. So reduzierst Du automatisch den Einfluss, den Erwartungen auf dich haben. Du gehst die Sachen aktiv an und arbeitest dafür, statt darauf zu warten, dass das Leben dir diese Sachen schenkt. Dein Leben ist dein Leben und Du bist der- oder diejenige, die dafür eintritt.

„An einen Moment eine Erwartung zu stellen, führt dazu, dass man die Augen vor der Wahrheit verschließt.“

Ich bin keineswegs frei von Erwartungen. Das muss man auch gar nicht sein. Aber in den letzten Jahren habe ich für mich die oben genannten Möglichkeiten gefunden, um mir immer bewusster zu werden, welchen Einfluss Erwartungen auf mein Leben haben. Und mein Bewusstsein dafür wächst nach wie vor, ich leide immer weniger unter meinen Erwartungen, von denen sich die meisten ohnehin am Ende als Unsinn entpuppen.

Wenn Du noch ein paar gute Tipps kennst, wie man mit Erwartungen umgehen kann, melde dich doch einfach! Ich würde mich freuen 🙂

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Chris!

Warum ein Orientierungsjahr so wichtig ist

Abitur, Ausbildung oder Studium, Arbeit, Rente und der lange Schlaf. So sieht im Grunde ein lückenloser Lebenslauf aus. Aber was verpassen wir auf diesem Weg alles?

Ich merke es immer wieder im Studium – so viele junge Menschen kommen direkt von der Schule an die Uni. Einige von ihnen haben ein klares Ziel und wissen, was sie tun. Andere hingegen sind sich gar nicht bewusst darüber, was sie tun wollen und vor allem wer sie eigentlich sind.
Die Berufswahl ist auch eine unfassbar schwierige Aufgabe. Meine Mutter zum Beispiel hat damals mit 14 Jahren ihre Ausbildung begonnen – davor habe ich riesigen Respekt und kann mir das absolut nicht vorstellen. Ich hatte mit 14 Jahren von den Sachen, die das Leben wirklich ausmachen, nicht die leiseste Ahnung. Heutzutage verbringen wir deutlich mehr Zeit in der Schule und sind bereits etwas reifer wenn es in die Berufswelt geht, doch trotzdem werden wir zu sehr unter Leistungsdruck gesetzt. So schnell wie möglich anfangen zu arbeiten und eine Karriere aufzubauen – darum geht es.


Über mich und mein Orientierungsjahr

Ich habe es geliebt, jeden Morgen die Sonne im Neandertal aufgehen zu sehen…

Als ich gerade mein Abitur gemacht habe, hat sich vieles in meinem Leben geändert. Mein ursprünglicher Plan ist es gewesen, Mediengestalter zu werden und in einem Tonstudio zu arbeiten. Die Ausbildung war soweit auch schon in festen Händen – dann begann jedoch ein persönlicher Umbruch. Ich erlangte ein Stück weit mehr Bewusstsein über mein Leben und fragte mich, was ich wirklich wollte. Was mein Herz wollte.
Und das wollte eher die Natur als das stickige Büro. So entwickelte ich den Traum, Förster zu werden.

Mein Weg zu diesem Beruf war ein kleiner Umweg, der sich aber mehr als gelohnt hat. Im Grunde genommen war es eine der besten und wichtigsten Entscheidungen meines Lebens.
Im August 2016 begann mein Dienst als Freiwilliger im Neandertal in der Nähe von Düsseldorf.
Hierbei handelte es sich um ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Vielleicht kannst du eher was mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst anfangen, welche im Kern aber den gleichen Nutzen erfüllen: sie bieten Zeit zur Orientierung.

Ich kam gerade von der Schule und hatte eigentlich keine Ahnung von nichts, habe nie wirklich gearbeitet und hatte lediglich ein klares Ziel vor Augen: mich auf das Forstwirtschaftsstudium vorzubereiten.
Erstmals war ich konfrontiert mit der Arbeit in der Natur. Wir bauten Zäune, fällten Bäume, montierten Bänke und sorgten dafür, dass die Mülleimer an den Wanderwegen geleert wurden (was mein Bewusstsein für Müll wirklich verändert hat). Noch dazu fütterten wir die Tiere im Wildgehege und entmisteten deren Ställe. Außerdem durften wir uns um die Biotope kümmern, hatten also viel mit dem Freischneider zu tun und kamen an Orte, die für die Allgemeinheit nicht zugänglich sind. Ich habe in diesem Jahr unglaublich schöne Orte gesehen – an Plätzen, wo man sie niemals vermuten würde.
Die Arbeit war unfassbar abwechslungsreich, jeder Tag war im Prinzip etwas Neues. Es ging mir wirklich gut in dieser Zeit. Allein zu wissen, dass die Arbeit, die ich mache, etwas Gutes bewirkt und einen Sinn hat, ließ mich mit einem Lächeln aufstehen. Ich konnte bereits viel für das Studium lernen und hatte Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen.
Zum einen der Kreis der Kollegen und Vorgesetzten, die mir alle ihre ganz eigene Lehre mit auf den Weg gaben. Und natürlich die Freiwilligen auf den Seminaren…

Falls du bereits einen Freiwilligendienst hinter dir hast, wirst du jetzt gerade vielleicht auch mit einem Lächeln an diese Tage zurückdenken.
Die Seminare sind einfach unglaublich. Man trifft sich zu fünf verschiedenen Seminaren, welche jeweils fünf Tage dauern. Wir haben dort zum Beispiel die Themen Wasser, Energie und Klima, Globalisierung und Konsum, Naturschutz (im wunderschönen Nationalpark Eifel) und Landwirtschaft behandelt. All diese Themen umgeben uns Tag für Tag und beeinflussen unser Leben drastisch – doch ist unser Bewusstsein einfach nicht geschärft für diese Dinge. Oder aber wir lernen in der Schule nicht wirklich viel darüber, hören nur, dass der Klimawandel bedrohlicher wird und wir in einer Konsumgesellschaft leben. Aber was all das wirklich bedeutet habe ich erst auf diesen Seminaren wirklich begriffen.
Mit kreativen Spielen wurden uns diese Themenblöcke nahe gebracht, jeder Teilnehmer musste eigene Vorträge verfassen und sich somit wirklich mit dem Thema beschäftigen. Mein Bewusstsein wurde dadurch vor allem für die Themen Konsum, Naturschutz und Klima sowie Ernährung und Fleischkonsum (ein großer Teil des Landwirtschaftsseminares) geschärft und hat mich nachhaltig beschäftigt.

Die Arbeit mit den Tieren machte viel mehr Spaß, als ich vorher erwartet habe


Mehr als diese Themen sind mir jedoch die Leute in Erinnerung geblieben, mit denen ich diese Zeit erlebte. Das erste Mal in meinem Leben wusste ich, dass ich bei diesen Leuten ich selbst sein kann. Ich musste mich nicht verstellen und musste auch nicht aufpassen, nicht über spirituelle Themen oder Naturschutz zu sprechen. Natürlich waren dort allerhand unterschiedliche Menschen, aber im Kern verfolgten wir doch einen ähnlichen Traum – unsere Liebe zur Natur zum Beruf machen.
Viele von uns sind am Ende einen anderen Weg gegangen. Zu einigen habe ich noch immer Kontakt und bin dankbar dafür, mich nach wie vor mit diesen Menschen austauschen zu können.
Dadurch habe ich gelernt, dass jeder am Ende seinen eigenen Weg geht. Und es ist absolut nicht schlimm, Umwege in Kauf zu nehmen.

Wenn Du offen für diese Erfahrung bist, wirst Du schnell merken, dass Du dich veränderst. Deine Einstellung, deine Werte, deine Meinung zu verschiedenen Themen, all das ändert sich.
Ich für meinen Teil bin deutlich offener gegenüber anderen Lebensweisen geworden und habe zu dieser Zeit auch damit angefangen, mich für den Buddhismus zu interessieren und zu meditieren.
Jeden Tag stand ich um 4:30 auf um die Bahn zu erwischen und kam selten vor 18 Uhr heim – wo einige mich bemitleideten, erkannte ich endlich, dass ich mehr Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen habe, als ich je erwartet hätte. Ich beschäftigte mich viel mit Psychologie und erkannte zum Beispiel, dass meine Introvertiertheit eigentlich gar keine Schwäche ist – obwohl ich mich jahrelang dafür gehasst habe. Erst seit dem FÖJ erkenne ich sie als eine meiner größten Stärken an, was mein Leben wirklich komplett verändert hat.
All das stärkte mich und ich war das ganze Jahr hindurch einfach zufrieden. Jeden Tag an der frischen Luft mit tollen Kollegen. Ich glaube, ich habe nie so viel gelacht wie in diesem Jahr.

Nach dem FÖJ war ich mir sicher, dass ein grüner Beruf das Richtige für mich ist. Dass es nicht der Förster sein sollte, erkannte ich einige Monate später – nun geht es für mich in die Landschaftsökologie. Das Berufsbild ist ohnehin näher an den Aufgaben des FÖJ orientiert und geht mehr in den Naturschutz. Um Förster zu sein, sollte ich mich wohl etwas wohler mit dem wirtschaftlichen Denken fühlen…

Der Winter war zwar kalt und hart, doch hatte er meistens die schönsten Sonnenaufgänge zu bieten

Auch Umwege erweitern unseren Horizont (Ernst Ferstl)


In meinem Fall war dieses Orientierungsjahr den Umweg vollkommen wert. Ich habe so viele Erfahrungen in so vielen verschiedenen Bereichen gemacht. Ich hatte genügend Zeit, mich selbst von einer neuen Seite kennen zulernen und darüber nachzudenken, wo es eigentlich hingehen soll. Wer ich wirklich sein will.
Im Prinzip ergänzt ein Jahr voller Praxiserfahrung den Lebenslauf, egal ob es ein Freiwilligendienst oder ein Reisejahr ist. Man reift merklich in dieser Zeit und wächst über sich selbst und sein (in der Regel) viel zu beschränktes Weltbild hinaus. Und wenn nicht jetzt, in jungen Jahren, wann dann?
Ich war gerade 20 geworden und war offen für alles, was kam. Es ist nicht unmöglich zu reisen oder Erfahrungen außerhalb des eigentlichen Berufes zu machen, sobald man einmal drin ist. Aber es ist anders. Schwerer.
Wer verlässt gern das sichere Nest, dass man sich aufgebaut hat? Schlimmstenfalls in einem Beruf, der gar nicht zu einem passt, den wir in Wahrheit sogar hassen aber der uns zu viel Geld verdienen lässt, um mutig zu sein und zu uns selbst zu stehen.
Und fürs Reisen bleibt genug Zeit, wenn man Rentner ist. Doch wenn wir dann soweit sind, sind wir körperlich nicht mehr so fit und frei, wie wir uns das in jungen Jahren immer ausgemalt haben. Aus dem abenteuerlichen Roadtrip wird somit eine Kaffeefahrt nach Herzberg am Harz.

Ich kann dir nur empfehlen, dir Zeit zu nehmen. Unsere Lebenszeit ist im Prinzip alles, was wir haben. Und wofür ist das Leben denn da, wenn nicht dafür, es zu erforschen?
In meinen Augen ist es nicht dafür da, jeden Morgen deprimiert aufzustehen, seine Lebenszeit auf der Arbeit ab zu sitzen und dann vor dem Fernseher einzuschlafen, bis der nächste Tag beginnt, genau so grau und traurig wie der Tag zuvor.
Vielleicht hast Du das Glück, einem wirklich erfüllenden Beruf nachzugehen, für den Du gerne früh aufstehst oder viele andere Sachen in Kauf nimmst.
Solltest Du hingegen schon länger im Herzen unzufrieden sein mit deiner Arbeit, frag dich mal, ob Du wirklich so wichtig für deine Firma bist, wie Du dir immer einredest. Meistens gehen wir bis an unsere Grenzen und nehmen Burn-out, Bore-out oder die Vernachlässigung unserer Freunde, Familien und Hobbies in Kauf, nur um eine Arbeitskraft zu sein, die man im Notfall sofort ersetzen könnte. Deine Arbeit ist nicht dein Leben – vor allem nicht, wenn Du morgens so unzufrieden aufstehst.
Das Leben ist so viel mehr…

Falls Du bereits über diese Phase deines Lebens hinaus bist (das FÖJ wird nur bis zum 27. Lebensjahr angeboten), Du aber merkst, dass Du nicht ganz zufrieden mit deinem derzeitigen Leben und Beruf bist, mach Dir doch mal Gedanken über ein Sabbatjahr/Sabbatical. Dies ist ein freies Jahr, in dem Du machen kannst, was du willst – egal ob Reisen, Praktika machen oder Dich einfach nur entspannen und neu kennen lernen. In der Firma nachfragen kann man immer. Einige Länder haben das tatsächlich als Pflicht eingeführt – als Prävention gegen Burn-out!

Hilfreiche Links

https://www.arbeitsagentur.de/bildung/zwischenzeit/freiwilligendienst-leisten

Solltest du gerade ins Grübeln kommen, schau Dir mal den Link an. Es gibt so viele verschiedene Arten des Freiwilligendienstes – ich bin mir sicher, dass Du etwas finden kannst!
Mein FÖJ wurde vom Landschaftsverband Rheinland organisiert und geleitet, meine Einsatzstelle war der Kreisbauhof Mettmann und das Wildgehege Neandertal. Welcher Träger für deinen Wohnsitz und deine Vorstellung der Richtige ist, erfährst Du durch ein bisschen Recherche.
Ich kann meine Einsatzstelle und meinen Träger an dieser Stelle auf jeden Fall empfehlen!

https://www.travelworks.de/

Auf dieser Website findest Du viele Angebote rund um Work and Travel, WOOFING sowie generelle Aufenthalte im Ausland. Ich habe lange Zeit überlegt, nach Kanada zu gehen und im Nationalpark zu arbeiten – stattdessen trat eine nette Frau in mein Leben und alles ist etwas anders verlaufen. Doch wer weiß, wo mich das Auslandssemester hinführen wird…

https://www.sabbatjahr.org/

Unter dieser Adresse findest Du fundierte Informationen zum Sabbatical mit hilfreichen Ideen. Du kannst nur gewinnen 😉

Das Leben ist mehr als ein lückenloser Lebenslauf

Ich denke gern an diese Zeit zurück und hoffe, dass ich Dir einen Denkanstoß geben konnte, wenn Du zur Zeit etwas ratlos bist, wie es weitergehen soll. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten und es tut gut, sich auszuprobieren. Vielleicht entdeckst du Fähigkeiten an dir, die Du nie für möglich gehalten hättest! Oder Du erkennst, dass das, was Du eigentlich machen wolltest, gar nicht wirklich zu dir passt.
Ich kann diese Chance nur wärmstens empfehlen!

Dein Chris 🙂

Was ich in meiner Fastenzeit gelernt habe

Nun liegt sie hinter mir, meine Fastenwoche. Es war eine unglaubliche Zeit, in der mir wirklich viel bewusst geworden ist.
Der Beitrag ist recht lang geworden – ich dachte, es wäre interessant, erstmal die einzelnen Tage zu besprechen um zu sehen, was sich täglich verändert hat und dann nochmal ein Fazit zu ziehen.

Falls du nochmal meinen Beitrag zur Vorbereitung meiner Fastenzeit lesen möchtest, findest du ihn hier.

Los geht’s 🙂

Tag 1
Als ich mit meiner Freundin am Frühstückstisch sitze, ohne etwas zu essen, wird mir bewusst, was ich eigentlich mache. Doch die Vorfreude auf die kommenden Tage siegt.
Im Gegensatz zum letzten Mal habe ich diesmal eine Darmreinigung mit Hilfe von Glaubersalz vorgenommen, was gut geklappt hat und wohl auch der Hauptgrund dafür war, dass ich mich die Woche über gar nicht über Hunger beschweren konnte.
Es war quasi durchweg ein Appetit vorhanden, aber Hunger? Nein. Zum Glück nicht.

Tag 2
Der zweite Tag ist geprägt von einer inneren Unruhe, welche sich mit einer geistigen Klarheit abwechselt, die ich lange nicht mehr so erlebt habe.
Ich entwickle langsam wieder richtigen Bezug zu meinem Körper und es gelingt mir, aufsteigende Gefühle intensiv wahrzunehmen. Daran versuche ich mich schon lange und diese Gelegenheit ist perfekt, um in Ruhe zu fühlen, was alles da ist.

Ich nutze den Tag, um in die Bibliothek zu fahren und besorge mir einige Bücher über Ernährung und Bio-Kost. Mein Ziel ist es, nach dem Fasten wirklich viel an meiner Ernährung zu verändern. Das hat beim letzten Mal schon sehr gut bei meinem Fleischkonsum funktioniert, der seitdem wirklich extrem abgenommen hat.
Dieses Jahr möchte ich meinen Fokus darauf legen, dauerhaft eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse einzuführen. Bei Obst und Gemüse wird immer wieder zum Kauf von Bio-Produkten geraten und mir ist aufgefallen, dass ich eigentlich nicht wirklich weiß, was eigentlich dahinter steckt.
Ich sehe meine Zukunft im Naturschutz, muss nun jedoch bemerken, wie wenig ich mich mit der Landwirtschaft beschäftigt habe, obwohl diese ein so großes Feld des Naturschutzes ausmacht. Ich merke, dass an dieser Stelle für mich starker Aufholbedarf besteht und ich meine Gedanken, dass mit Bio-Landbau die Welt zu retten ist, über Bord werfen sollte.

Eines Tages werde ich auch zu diesem Thema einen Beitrag verfassen.

Tag 3
An diesem Tag habe ich erstmals Kreislaufprobleme. Morgens mache ich es mir auf dem Sofa bequem und höre einfach mit geschlossenen Augen Musik. Nichts anderes.
Wann habe ich verlernt, Musik bewusst zu hören? Nicht einfach die Kopfhörer rein und mich in der Bahn berieseln lassen. Wirklich zuhören.

Die Meditationen dieser Tage bringen mich immer tiefer in meine Gefühlswelt hinein. Es fällt mir von Tag zu Tag leichter, meine Gefühle auf Körperebene wahrzunehmen und zu spüren, auch wenn ich immer noch viel Respekt davor habe, mich meinen Gefühlen zu stellen. Doch je mehr wir unseren Gefühlen und damit auch uns selbst ins Auge blicken, desto mehr erkennen wir uns selbst.
Ich merke, wie viel Angst noch in mir ist. Angst, ich selbst zu sein – denn das schaffe ich um ehrlich zu sein bis heute nur selten.
Warum nur verstellen wir uns immer wieder? Wir leben quasi das Leben eines anderen, eines erfundenen Menschen, wenn wir nicht wir selbst sind. Wir investieren Zeit und Energie darin, eine Person zu erfinden, die wir gar nicht sind.
Diese Gedanken überwältigen mich immer wieder.

Tag 4
Mein Körper wird von Tag für Tag weniger belastbar, geistig hingegen werde ich jeden Tag deutlich klarer und energiegeladener. Mein Geruchssinn nimmt stetig zu. In einem Cafe zu sitzen oder über den Markt zu schlendern wird zu einem einzigen Highlight. Ich empfinde wirkliche Ehrfurcht vor Nahrung.
Sie ist jederzeit verfügbar. Hunger kennt man in der westlichen Welt zum Großteil nicht mehr. Ich freue mich, diesen Respekt wieder fühlen zu dürfen. Der bewusste Verzicht auf etwas, was uns jeden Tag anlächelt und rund um die Uhr verfügbar ist, lässt uns einen Schritt zurücktreten.
Dankbarkeit für all das, was uns heute geboten wird, ist mehr als angebracht. Und so oft ich mich auch über Smartphones oder sonstige moderne Sachen beschwere, merke ich in dieser Zeit, wie gesegnet wir sind, in solch einer Welt leben zu dürfen.


Tag 5

Ich habe heute festgestellt, dass ich bereit bin, wieder Nahrung zu mir zu nehmen. Es ist kein Hunger, der an mir zerrt – viel mehr die pure Freude auf Nahrung und das Gefühl, meine Erfahrung gemacht zu haben.
Die Nacht habe ich jedoch eher schlecht verbracht. Ich hatte vor ein paar Monaten das sogenannte „Restless-Leg-Syndrom“, ein wirklich unangenehmes Kribbeln in Armen und Beinen, was mich jede Nacht um meinen Schlaf gebracht hat. In dieser Nacht spürte ich es das erste Mal seit langer Zeit und war besorgt, ob es wieder anfängt. Ich habe es nie ärzt-lich abklären lassen, kann also nicht sagen, ob es von der Psyche oder von Mangel-erscheinungen kam. Jedenfalls werde ich das weiter beobachten.

Ich habe meine Fastenzeit traditionell mit einem saftigen Apfel beendet. Nun heißt es, langsam die Ernährung wieder aufzubauen – und die guten Erfahrungen in den Alltag zu bringen.

Was wäre unser Leben ohne Pausen, bei denen wir erkennen können, wo wir uns eigentlich befinden?

Was werde ich aus dieser Reise mitnehmen?

Mir ist in den letzten Tagen so einiges bewusst geworden. Dank Coco habe ich meinen Fokus auf Ernährung gelegt und gemerkt, wie wichtig eine gesunde Ernährung für ein gesundes Leben ist. Das heißt nicht, dass ich für immer auf einen leckeren Burger verzichten möchte oder mich fest einer bestimmten Ernährungsweise anhafte – wenn dann bin ich wohl ein Flexitarier… 😉
Ich denke, wenn man auf gesunde Nahrung wert legt, kann man sich ohne Bedenken zwischendurch etwas gönnen.
Wie immer macht die Dosis das Gift – und Bewusstheit ist der Schlüssel.

Achtsamkeit und Bewusstsein

In den Phasen, in denen ich mir über mein Leben Gedanken mache, fällt mir das immer wieder auf: Bewusstsein und Achtsamkeit sind die Schlüssel zu wahrem Frieden.
Denn diese Themen beschäftigen sich mit der Art und Weise, wie wir unser Leben wahrnehmen. Sie lenken unseren Fokus auf die schönen Seiten, bieten aber auch Platz für die negativen Seiten, ohne diese zu verteufeln – denn unangenehme Gefühle gehören zum Leben dazu und verdienen es, wahrgenommen zu werden.
Egal, welche Bücher man liest: wenn es um die großen Fragen des Lebens geht, um die Bewältigung von Stress oder darum, seine Gefühle wieder zu spüren, geht es immer um Achtsamkeit, Yoga oder Meditation.
Die Wichtigkeit dieser Lebensweise ist mir wieder bewusst geworden.

Auf mein Körpergefühl hören

Ich habe gelernt, wieder mehr auf meinen Körper zu hören. Die Portionen des Fastenbrechens sind wirklich klein im Vergleich zu denen, die ich mir vor der Fastenzeit zubereitet habe – doch mein Körper sagt mir zur Zeit sehr zuverlässig, wann Schluss sein sollte. Ich kaue aber auch wieder langsamer und gründlicher – zwar muss ich mich immer wieder daran erinnern, aber auch das ist Achtsamkeit
Es ist einfach wichtig, dass wir lernen, auf unseren Körper zu hören. Er sagt uns, wann wir eine Pause brauchen, wann wir essen sollten und wann wir Energie geben können, auch wenn wir oft denken, dass dies die Aufgabe unseres Verstandes ist.
Ich habe in den vergangenen Tagen auch viel über meine Gefühlswelt gelernt und Sachen erkannt, die ich so noch nie wirklich wahrgenommen habe. Ich bin mir selbst einen ganzen Schritt nähergekommen und bin wirklich froh, diese Erfahrung gemacht zu haben.

Nahrung ist nicht selbstverständlich

Und als abschließende Lektion: Nahrung ist nicht so selbstverständlich wie wir immer denken. Überall und jederzeit lässt sich ein Supermarkt finden, zu jeder Uhrzeit findet sich irgendwo ein Coffee to go und sobald das kleinste Hungergefühl aufkommt, können wir uns etwas aus dem Kühlschrank nehmen.
Wie selbstverständlich ich Nahrung empfinde, wurde mir erst durch das Fasten wieder bewusst. Dabei tut es so gut, den Duft von frischgebackenem Brot zu genießen und den Kaffee wert zu schätzen, statt ihn im Gehen auf dem Weg zum nächsten Termin runterzukippen.
Wir können einfach glücklich sein.

Mein Fazit

Alles in allem bin ich äußerst zufrieden mit dem diesjährigen Fasten. Ich konnte viel daraus mitnehmen und bin mir sicher, vieles davon dauerhaft in meinen Alltag integrieren zu können – manches hingegen wird vielleicht wieder zur alten Gewohnheit zurückfinden.
Mich gesund zu ernähren heißt nicht, dass ich von nun an nie mehr einen Burger oder einen Döner essen werde – ich bin mir ziemlich sicher, dass all das kein Problem ist, solange man ansonsten einer wirklich gesunden Ernährung folgt.
Aber in Zukunft möchte ich meine Ernährung so bewusst und gesund wie möglich gestalten und ihr einen wichtigeren Platz in meinem Leben einräumen.

Ein kleiner Tipp an dieser Stelle: ich habe gleichzeitig mit dem Nahrungsverzicht auch beschlossen, bis Ostern erstmal auf Süßigkeiten zu verzichten. Dadurch klappt jetzt die Umstellung meiner Ernährung hinsichtlich mehr Obst und Gemüse viel besser, weil Obst in den Momenten, in denen ich Lust auf Süßes habe, genauso seinen Zweck erfüllt 😉

Wie läuft Deine Fastenzeit? Hast Du vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht oder erlebst ganz andere Themen?
Ich würde gerne von Dir hören 🙂

Weiterhin viel Kraft!
Dein Chris