Allein in Schottland

Vor genau einem Jahr saß ich in einem Flugzeug in Richtung Schottland. Es sollte eine Selbstfindungsreise werden, denn ich habe gerade den Traum aufgegeben, Förster zu werden und wollte für mich wissen, wie es weitergehen wird.
In welche Richtung sollte ich gehen?
Noch nie zuvor war ich alleine im Ausland, doch ich freute mich auf die kommenden 16 Tage.

Rannoch Moor zählte zu meinen Highlights auf der Wanderung


Mein Plan war es, den West Highland Way zu gehen – 154 km entlang der Westküste Schottlands hochlaufen, von Milngavie bis Fort William. Von dort aus nach Loch Ness und über Inverness nach Edinburgh.
Ich war erst einmal vorher alleine Wandern gewesen, für sechs Tage im Elbsandsteingebirge – ich kann diese wunderschöne Ecke im Osten Deutschlands (Sächsische Schweiz) von ganzem Herzen empfehlen! Doch mit jedem Tag, der dem Flug nach Glasgow näher kam, bekam ich etwas mehr Sorge. Bin ich auf alles vorbereitet? Waren 16 statt 6 Tage vielleicht ein zu großer Sprung? Werde ich mit der Sprache klar kommen?
Mehr Gedanken als nötig, denn diese Wanderung war von mir sowieso so geplant gewesen, in den 16 Tagen einfach frei zu sein, für mich zu sein und in den Tag zu leben.

Bei meiner Ankunft in Glasgow, nachdem sich mein Flug um vier Stunden nach hinten verschoben hat, trat ich aus dem Flugzeug heraus und blickte sofort auf die angrenzenden Berge, die Kilpatrick Hills. Ich hatte schon ein Hostel für die Nacht gebucht, weil ich dachte, es wäre toll, die Stadt zu sehen. Meine Beine trugen mich stattdessen zu den Bergen, als würde ein innerer Kompass mich in diese Richtung zwingen.
Sofort war ich erstaunt von der Umgebung. Direkt hinter dem Flughafen wurde die Gegend so unglaublich ländlich, überall um mich herum fanden sich diese typischen Steinmauern und Weiden voller Schafe und Rinder. Ich schlug mein erstes Nachtlager an einem Fluss auf, blickte von dort aus auf die Berge und freute mich auf die kommenden Tage.

Im Weihnachtspulli durch Kinlochleven…

Ich könnte viel erzählen – von Frank, dem Schotten, mit dem ich gemeinsam durch das Moor gewandert bin. Von unglaublichen Aussichten auf Loch Lomond, dem größten See Schottlands. Von meiner Besteigung des Ben Lomond – ich stand gerade 2 Minuten auf dem Gipfel, da peitschte mir ein unglaublicher Hagelsturm ins Gesicht. Das war der abenteuerlichste Abstieg meines Lebens.
Mein erstes mal Haggis – klingt ekelig, ist aber wirklich verdammt lecker!
Meine Nacht auf dem Friedhof von Inverness, wo ich auf der Reise nach Edinburgh einen Halt machte.
Ich könnte wirklich viel erzählen…


Doch darum geht es mir gar nicht. Viel mehr geht es mir darum, warum ich das gemacht habe. Denn so oft werde ich gefragt, warum ich denn alleine wandern gehe.
„Das wäre mir zu langweilig“, „da hätte ich Angst“ oder „du bist komisch“ kommt meistens zurück, wenn Leute hören, dass ich alleine los ziehe. Dabei ist alleine wandern alles andere als langweilig – denn sobald die Ablenkungen wegfallen, wird es erst spannend. Dann lernt man sich wirklich selbst kennen, kann nicht mehr weglaufen vor seinen Problemen. Das ist nicht immer angenehm. Aber wieso sollte es das auch sein?

Wandern ist für mich immer eine Art des Fastens. Ich verzichte bewusst auf mein Bett, auf warmes Essen, vielleicht auch auf Gesellschaft… Wobei mir vor allem in Schottland aufgefallen ist, wie sehr sich meine Art zu wandern seit meiner ersten Wanderung im Herbst 2016 verändert hat.

Mein Lager in Kinlochleven – der schönsten Stadt des WHW

„… Doch wird mir wieder einmal bewusst, dass mein Rückzug in die Einsamkeit nur dazu führt, dass ich die Gesellschaft umso mehr schätze. […] Lange nahm ich an, ich würde wandern, weil ich die Gesellschaft so sehr hasse. Dabei gehe ich wandern, weil ich die Gesellschaft so sehr liebe.“

Ich mecker immer wieder gern über die „Gesellschaft“ und könnte nicht mal erklären, was „die Gesellschaft“ eigentlich ist. Ich beschwere mich über Smartphones und nutze doch immer wieder die Vorteile, die sie bringen. Manchmal denke ich, ich bin ein festgefahrener Rentner.
Immer wieder stelle ich beim Wandern fest, dass ich im Kern diese Sachen nicht von mir weisen kann und dass es Energieverschwendung ist, gegen diese Sache anzukämpfen und mich zu beschweren. Natürlich werde ich wütend, wenn ich sehe, dass sechsjährige Kinder nur mit ihrem Handy und nicht mit ihren Freunden beschäftigt sind – und ich denke bei dieser Sache auch nicht, dass sich das für mich ändern wird.
Doch ich merke auch immer wieder, dass jede Generation so skeptisch auf die nachfolgende blickt. Als die Romane erfunden wurden, warnte man vor Lesesucht. Mit Beginn des Zeitungsdrucks, wurde es mit Sicherheit ähnlich ruhig in den Bahnen, wie heute, wo alle auf ihr Handy starren. Und als Elvis das erste mal im Fernsehen zu sehen war, werden die Erwachsenen wahnsinnig geworden sein (heute ist es eben 187-Straßenbande…).
Ja – ich schätze die Zeit in der ich lebe. Immer wieder vergesse ich das, doch ab und zu fällt es mir wieder ein. Vor allem in der westlichen Welt könnte es uns so gut gehen, doch wir suchen nur die Probleme.

Damals war ich so gefesselt von „Into the Wild“, dass ich diesem Ideal vollkommen nacheiferte. Um kein Geld der Welt hätte ich unterwegs in einer Herberge geschlafen und ich hätte auch nur das gegessen, was ich dabei hatte.
Mittlerweile genieße ich gerne zwischendurch den Luxus einer Herberge und esse auch gerne mal in einer Gaststätte – so lernt man oft auch Leute aus der Gegend kennen und belohnt sich selbst für die Strapazen der Wanderung. Doch früher war Wandern für mich die reinste Askese. Es hatte für mich etwas mit Ehre und Stolz zu tun, auf alles zu verzichten.

Was ich noch immer so am Wandern liebe, ist die Dankbarkeit, die ich danach für die kleinsten Dinge des Alltags empfinde. Wenn man mal ein paar Tage auf fließendes Wasser verzichtet und mitunter auch in Situationen gerät, in denen man Panik hat, keines mehr zu finden, steht man am Ende lachend zuhause im Badezimmer und bewundert den Wasserhahn.
Genauso wie jeder von uns Wanderern sich am Ende auf das eigene Bett und ein heißes Bad oder eine heiße Dusche freut.

Allein, irgendwo in den Wäldern von Loch Ness…

„Was mir heute sehr bewusst wurde, ist, dass jeder Mensch Probleme braucht, sie sich im Notfall (oder eher im Normalfall) sogar selber macht, hauptsache man kann mit seinen Problemen beschäftigt sein. Nahezu panisch suche ich beim Wandern mein Leben nach Problemen ab und erkenne immer wieder, dass ich mich das erste mal an einem Punkt in meinem Leben befinde, der frei ist von Problemen.“

Das soll nicht heißen, dass Menschen nie durch wirklich schwere Zeiten gehen oder dass ich frei davon bin und über allem stehe – gerade in dieser Zeit, in der ich absolut nicht wusste, was ich beruflich tun sollte und mich selbst nicht mehr wieder erkannt habe. Ich habe damals aber erkannt, dass es darauf ankommt, wie wir unsere Erfahrungen bewerten. Und damit sind wir wieder bei der Kraft der Gedanken.
Uns geschehen dauernd Sachen, die wir entweder als Probleme oder einfach als Leben wahrnehmen können. Nichts ist unlösbar. Manches ist verdammt knifflig und unglaublich unangenehm, aber es ist lösbar, einfach nur Teil unseres Lebens.
Ich weiß nicht, ob ich nur für mich spreche, aber ich habe definitiv lange Zeit immer nach Problemen gesucht und mir auch selbst welche gemacht. Mit steigender Achtsamkeit wird es besser, doch ab und zu rutsche ich wieder in dieses Verhalten.

Beobachte das mal bei dir – sobald Du eine Herausforderung gemeistert hast, wird mit Sicherheit direkt die nächste auf dich warten, bevor Du überhaupt den Stolz auskosten konntest, die erste Herausforderung gemeistert zu haben.

„Eine Wanderung lässt dich das Leben spüren, genau so lässt dich jedoch ein Abend in Geborgenheit, Wärme und leckerem Essen mit deinen Liebsten das Leben spüren, nur auf andere Art und Weise. Es braucht beide Erfahrungen, um beides wirklich wertschätzen zu können und so das meiste aus dem Leben rausholen zu können.“

Das war eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich auf dieser Reise. Sie kam mir am Ende eines langen Tages, und egal wie simpel und einleuchtend sie auf dich wirkt, mich hat sie in diesen Stunden wirklich umgehauen. Das erste mal habe ich die Dualität des Lebens wirklich begriffen.
Du kannst Glück von Trauer nicht unterscheiden, wenn Du nur eines der beiden kennst. Gäbe es nur Regen auf der Welt, wäre es für uns in Ordnung. Wir würden nur Regen kennen. Stattdessen wissen wir, wie toll ein sonniger Tag sein kann und sehen den Regen als schlecht an. Ohne Schwarz kein Weiß. Ohne Yin kein Yang.

Versuch, diese Dualität in deinem Leben wahrzunehmen. Sie macht wirklich zufrieden.

„Happiness is only real when shared“ – Chris McCandless

Ich habe zu dieser Zeit jeden einzelnen Tag im Tagebuch festgehalten – die Zitate in diesem Beitrag stammen aus diesem Tagebuch. Rückblickend habe ich gemerkt, dass ich in diesen 16 Tagen wirklich einiges für mich erkannt habe und dass es ein unglaublich wichtiger Schritt für mich war, alleine ins Ausland zu gehen.

Letztendlich muss man der Typ dafür sein. Aber zumindest ausprobieren sollte jeder das mal – warum nicht einfach mal für ein Wochenende allein irgendwo hinfahren? Im schlimmsten Fall merkst Du, dass das nicht deins ist. Im besten Fall merkst Du, dass etwas hochkommt, sobald Du allein bist – daran kannst Du arbeiten und dich wirklich kennen lernen.

Ich hoffe, mein Beitrag hat dir gefallen und vielleicht hast Du ja nun eine Anregung für deinen nächsten Urlaub bekommen – ich kann den West Highland Way auf jeden Fall empfehlen.
Wenn Du ihn schon gelaufen bist, dann schreib mal deine Erfahrungen aus Schottland in die Kommentare – ich bin gespannt, wie Du all das wahrgenommen hast.

Danke fürs Lesen!

Dein Chris


Kleine Tipps für den West Highland Way
– auf den meisten Teilen des Weges ist Wildcampen erlaubt – nutz das aus und lerne die Natur Schottlands kennen!
– probier Haggis!
– verbringe ab und zu eine Nacht im Hostel – die Herbergen in Rowardennan und in Crianlarich kann ich von ganzem Herzen empfehlen. So hast Du auch die Chance, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen!
– falls Du ebenfalls nach Inverness reisen möchtest, schau im King’s Highway vorbei. Du hast dort eine Getränke-Flatrate und kannst günstig aber gut dort essen!