Allein in Schottland

Vor genau einem Jahr saß ich in einem Flugzeug in Richtung Schottland. Es sollte eine Selbstfindungsreise werden, denn ich habe gerade den Traum aufgegeben, Förster zu werden und wollte für mich wissen, wie es weitergehen wird.
In welche Richtung sollte ich gehen?
Noch nie zuvor war ich alleine im Ausland, doch ich freute mich auf die kommenden 16 Tage.

Rannoch Moor zählte zu meinen Highlights auf der Wanderung


Mein Plan war es, den West Highland Way zu gehen – 154 km entlang der Westküste Schottlands hochlaufen, von Milngavie bis Fort William. Von dort aus nach Loch Ness und über Inverness nach Edinburgh.
Ich war erst einmal vorher alleine Wandern gewesen, für sechs Tage im Elbsandsteingebirge – ich kann diese wunderschöne Ecke im Osten Deutschlands (Sächsische Schweiz) von ganzem Herzen empfehlen! Doch mit jedem Tag, der dem Flug nach Glasgow näher kam, bekam ich etwas mehr Sorge. Bin ich auf alles vorbereitet? Waren 16 statt 6 Tage vielleicht ein zu großer Sprung? Werde ich mit der Sprache klar kommen?
Mehr Gedanken als nötig, denn diese Wanderung war von mir sowieso so geplant gewesen, in den 16 Tagen einfach frei zu sein, für mich zu sein und in den Tag zu leben.

Bei meiner Ankunft in Glasgow, nachdem sich mein Flug um vier Stunden nach hinten verschoben hat, trat ich aus dem Flugzeug heraus und blickte sofort auf die angrenzenden Berge, die Kilpatrick Hills. Ich hatte schon ein Hostel für die Nacht gebucht, weil ich dachte, es wäre toll, die Stadt zu sehen. Meine Beine trugen mich stattdessen zu den Bergen, als würde ein innerer Kompass mich in diese Richtung zwingen.
Sofort war ich erstaunt von der Umgebung. Direkt hinter dem Flughafen wurde die Gegend so unglaublich ländlich, überall um mich herum fanden sich diese typischen Steinmauern und Weiden voller Schafe und Rinder. Ich schlug mein erstes Nachtlager an einem Fluss auf, blickte von dort aus auf die Berge und freute mich auf die kommenden Tage.

Im Weihnachtspulli durch Kinlochleven…

Ich könnte viel erzählen – von Frank, dem Schotten, mit dem ich gemeinsam durch das Moor gewandert bin. Von unglaublichen Aussichten auf Loch Lomond, dem größten See Schottlands. Von meiner Besteigung des Ben Lomond – ich stand gerade 2 Minuten auf dem Gipfel, da peitschte mir ein unglaublicher Hagelsturm ins Gesicht. Das war der abenteuerlichste Abstieg meines Lebens.
Mein erstes mal Haggis – klingt ekelig, ist aber wirklich verdammt lecker!
Meine Nacht auf dem Friedhof von Inverness, wo ich auf der Reise nach Edinburgh einen Halt machte.
Ich könnte wirklich viel erzählen…


Doch darum geht es mir gar nicht. Viel mehr geht es mir darum, warum ich das gemacht habe. Denn so oft werde ich gefragt, warum ich denn alleine wandern gehe.
„Das wäre mir zu langweilig“, „da hätte ich Angst“ oder „du bist komisch“ kommt meistens zurück, wenn Leute hören, dass ich alleine los ziehe. Dabei ist alleine wandern alles andere als langweilig – denn sobald die Ablenkungen wegfallen, wird es erst spannend. Dann lernt man sich wirklich selbst kennen, kann nicht mehr weglaufen vor seinen Problemen. Das ist nicht immer angenehm. Aber wieso sollte es das auch sein?

Wandern ist für mich immer eine Art des Fastens. Ich verzichte bewusst auf mein Bett, auf warmes Essen, vielleicht auch auf Gesellschaft… Wobei mir vor allem in Schottland aufgefallen ist, wie sehr sich meine Art zu wandern seit meiner ersten Wanderung im Herbst 2016 verändert hat.

Mein Lager in Kinlochleven – der schönsten Stadt des WHW

„… Doch wird mir wieder einmal bewusst, dass mein Rückzug in die Einsamkeit nur dazu führt, dass ich die Gesellschaft umso mehr schätze. […] Lange nahm ich an, ich würde wandern, weil ich die Gesellschaft so sehr hasse. Dabei gehe ich wandern, weil ich die Gesellschaft so sehr liebe.“

Ich mecker immer wieder gern über die „Gesellschaft“ und könnte nicht mal erklären, was „die Gesellschaft“ eigentlich ist. Ich beschwere mich über Smartphones und nutze doch immer wieder die Vorteile, die sie bringen. Manchmal denke ich, ich bin ein festgefahrener Rentner.
Immer wieder stelle ich beim Wandern fest, dass ich im Kern diese Sachen nicht von mir weisen kann und dass es Energieverschwendung ist, gegen diese Sache anzukämpfen und mich zu beschweren. Natürlich werde ich wütend, wenn ich sehe, dass sechsjährige Kinder nur mit ihrem Handy und nicht mit ihren Freunden beschäftigt sind – und ich denke bei dieser Sache auch nicht, dass sich das für mich ändern wird.
Doch ich merke auch immer wieder, dass jede Generation so skeptisch auf die nachfolgende blickt. Als die Romane erfunden wurden, warnte man vor Lesesucht. Mit Beginn des Zeitungsdrucks, wurde es mit Sicherheit ähnlich ruhig in den Bahnen, wie heute, wo alle auf ihr Handy starren. Und als Elvis das erste mal im Fernsehen zu sehen war, werden die Erwachsenen wahnsinnig geworden sein (heute ist es eben 187-Straßenbande…).
Ja – ich schätze die Zeit in der ich lebe. Immer wieder vergesse ich das, doch ab und zu fällt es mir wieder ein. Vor allem in der westlichen Welt könnte es uns so gut gehen, doch wir suchen nur die Probleme.

Damals war ich so gefesselt von „Into the Wild“, dass ich diesem Ideal vollkommen nacheiferte. Um kein Geld der Welt hätte ich unterwegs in einer Herberge geschlafen und ich hätte auch nur das gegessen, was ich dabei hatte.
Mittlerweile genieße ich gerne zwischendurch den Luxus einer Herberge und esse auch gerne mal in einer Gaststätte – so lernt man oft auch Leute aus der Gegend kennen und belohnt sich selbst für die Strapazen der Wanderung. Doch früher war Wandern für mich die reinste Askese. Es hatte für mich etwas mit Ehre und Stolz zu tun, auf alles zu verzichten.

Was ich noch immer so am Wandern liebe, ist die Dankbarkeit, die ich danach für die kleinsten Dinge des Alltags empfinde. Wenn man mal ein paar Tage auf fließendes Wasser verzichtet und mitunter auch in Situationen gerät, in denen man Panik hat, keines mehr zu finden, steht man am Ende lachend zuhause im Badezimmer und bewundert den Wasserhahn.
Genauso wie jeder von uns Wanderern sich am Ende auf das eigene Bett und ein heißes Bad oder eine heiße Dusche freut.

Allein, irgendwo in den Wäldern von Loch Ness…

„Was mir heute sehr bewusst wurde, ist, dass jeder Mensch Probleme braucht, sie sich im Notfall (oder eher im Normalfall) sogar selber macht, hauptsache man kann mit seinen Problemen beschäftigt sein. Nahezu panisch suche ich beim Wandern mein Leben nach Problemen ab und erkenne immer wieder, dass ich mich das erste mal an einem Punkt in meinem Leben befinde, der frei ist von Problemen.“

Das soll nicht heißen, dass Menschen nie durch wirklich schwere Zeiten gehen oder dass ich frei davon bin und über allem stehe – gerade in dieser Zeit, in der ich absolut nicht wusste, was ich beruflich tun sollte und mich selbst nicht mehr wieder erkannt habe. Ich habe damals aber erkannt, dass es darauf ankommt, wie wir unsere Erfahrungen bewerten. Und damit sind wir wieder bei der Kraft der Gedanken.
Uns geschehen dauernd Sachen, die wir entweder als Probleme oder einfach als Leben wahrnehmen können. Nichts ist unlösbar. Manches ist verdammt knifflig und unglaublich unangenehm, aber es ist lösbar, einfach nur Teil unseres Lebens.
Ich weiß nicht, ob ich nur für mich spreche, aber ich habe definitiv lange Zeit immer nach Problemen gesucht und mir auch selbst welche gemacht. Mit steigender Achtsamkeit wird es besser, doch ab und zu rutsche ich wieder in dieses Verhalten.

Beobachte das mal bei dir – sobald Du eine Herausforderung gemeistert hast, wird mit Sicherheit direkt die nächste auf dich warten, bevor Du überhaupt den Stolz auskosten konntest, die erste Herausforderung gemeistert zu haben.

„Eine Wanderung lässt dich das Leben spüren, genau so lässt dich jedoch ein Abend in Geborgenheit, Wärme und leckerem Essen mit deinen Liebsten das Leben spüren, nur auf andere Art und Weise. Es braucht beide Erfahrungen, um beides wirklich wertschätzen zu können und so das meiste aus dem Leben rausholen zu können.“

Das war eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich auf dieser Reise. Sie kam mir am Ende eines langen Tages, und egal wie simpel und einleuchtend sie auf dich wirkt, mich hat sie in diesen Stunden wirklich umgehauen. Das erste mal habe ich die Dualität des Lebens wirklich begriffen.
Du kannst Glück von Trauer nicht unterscheiden, wenn Du nur eines der beiden kennst. Gäbe es nur Regen auf der Welt, wäre es für uns in Ordnung. Wir würden nur Regen kennen. Stattdessen wissen wir, wie toll ein sonniger Tag sein kann und sehen den Regen als schlecht an. Ohne Schwarz kein Weiß. Ohne Yin kein Yang.

Versuch, diese Dualität in deinem Leben wahrzunehmen. Sie macht wirklich zufrieden.

„Happiness is only real when shared“ – Chris McCandless

Ich habe zu dieser Zeit jeden einzelnen Tag im Tagebuch festgehalten – die Zitate in diesem Beitrag stammen aus diesem Tagebuch. Rückblickend habe ich gemerkt, dass ich in diesen 16 Tagen wirklich einiges für mich erkannt habe und dass es ein unglaublich wichtiger Schritt für mich war, alleine ins Ausland zu gehen.

Letztendlich muss man der Typ dafür sein. Aber zumindest ausprobieren sollte jeder das mal – warum nicht einfach mal für ein Wochenende allein irgendwo hinfahren? Im schlimmsten Fall merkst Du, dass das nicht deins ist. Im besten Fall merkst Du, dass etwas hochkommt, sobald Du allein bist – daran kannst Du arbeiten und dich wirklich kennen lernen.

Ich hoffe, mein Beitrag hat dir gefallen und vielleicht hast Du ja nun eine Anregung für deinen nächsten Urlaub bekommen – ich kann den West Highland Way auf jeden Fall empfehlen.
Wenn Du ihn schon gelaufen bist, dann schreib mal deine Erfahrungen aus Schottland in die Kommentare – ich bin gespannt, wie Du all das wahrgenommen hast.

Danke fürs Lesen!

Dein Chris


Kleine Tipps für den West Highland Way
– auf den meisten Teilen des Weges ist Wildcampen erlaubt – nutz das aus und lerne die Natur Schottlands kennen!
– probier Haggis!
– verbringe ab und zu eine Nacht im Hostel – die Herbergen in Rowardennan und in Crianlarich kann ich von ganzem Herzen empfehlen. So hast Du auch die Chance, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen!
– falls Du ebenfalls nach Inverness reisen möchtest, schau im King’s Highway vorbei. Du hast dort eine Getränke-Flatrate und kannst günstig aber gut dort essen!

Die Stärken der Introversion

Heute möchte ich gerne mit Dir über ein Thema sprechen, das mich mein ganzes Leben lang schon begleitet: es geht um meine Introvertiertheit.

Ich bin absolut nicht allein damit – laut Studien nehmen Forscher an, dass ein Drittel bis die Hälfte der Weltbevölkerung introvertiert veranlagt ist – doch ich habe mich viele Jahre lang alleine gefühlt. Vielleicht kennst Du es ja – schon in der Kindheit wird man in Schubladen gesteckt, weil man eben so ruhig ist und Probleme damit hat, an größeren Gruppen teilzunehmen und zu sprechen. Ich war schon immer sehr gerne für mich alleine, konnte spielen ohne dass mir langweilig wurde, habe sehr viel nachgedacht oder in meiner eigenen Fantasiewelt gelebt.
Nach und nach hatte ich dann das Gefühl, als sei das nicht richtig.
Als sei ich anders.
Als sei ich falsch.

Mit diesem Denken habe ich mir mein Leben viele Jahre lang sehr schwer gemacht. Dadurch, dass ich mich selbst als komisch und falsch wahrnahm, benahm ich mich automatisch auch komisch, weil ich mich in Gesellschaft absolut unwohl fühlte – ich dachte ja, die anderen finden mich auch komisch. Meine Gedanken und meine Wahrnehmung limitierten mich. Es ist ein Teufelskreis.
Rückblickend merke ich, dass ich im Laufe der Jahre immer stiller wurde, irgendwann auch Angst hatte, zu sprechen und einfach das Gefühl hatte, dass auf dieser Welt kein Platz für mich sei. Neue Leute kennenzulernen war ein Kraftakt und vor allem das Small Talk-geprägte Kennenlernen hat mich immer dermaßen genervt, weil ich diese Oberflächlichkeit nicht verstehen konnte. Lieber sprach ich mit niemandem, als leere Worte auszutauschen. Generell reichten mir daher wenige, tiefgehende Freundschaften statt einen Haufen Leute zu kennen, mit denen ich jedoch nie in Tiefgang kommen würde.

Vielleicht erkennst Du dich gerade wieder – wenn ich mir all das ansehe, erkenne ich deutlich die „Symptome“ eines introvertierten Menschen. In meinem FÖJ entdeckte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Artikel über Introversion. Dieser Moment hat mein ganzes Leben verändert – wirklich!

Plötzlich war ich nicht mehr „anders“ oder „abnormal“. Plötzlich hatte ich viel weniger Probleme, als ich mir seit meiner Kindheit eingeredet habe. Ich konnte meine Schwächen plötzlich als meine Stärken sehen und mir eingestehen, dass ich bin wer ich bin und dass es okay ist, zu sein, wie ich bin. Das war eine unglaubliche Erfahrung.
An dieser Stelle erkläre ich Dir mal, was genau es mit Introversion und Extroversion auf sich hat.

Die Unterschiede zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen

Carl Gustav Jung hat in den 1920er Jahren erstmals die Begriffe Introversion und Extroversion als zwei Extremwerte einer Skala eingeführt, die die grundlegende Wesensart eines Menschen beschreiben sollte.
Dabei erkannte er, dass introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit mehr nach innen richten, während extrovertierte Menschen sehr nach außen hin orientiert sind.
In der späteren Forschung stellte man fest, dass diese Einteilung damit zusammenhängt, wie die Gehirne von Intros und Extros funktionieren – denn tatsächlich arbeiten die Gehirne vollkommen unterschiedlich.

1. Die Reizverarbeitung erfolgt unterschiedlich (Extros brauchen mehr Reize zur Stimulierung, während Intros weniger Reize genügen)

2. Introvertierte haben dauerhaft eine erhöhte Hirnaktivität (die Wendung nach innen dient daher oft als Schutz gegen zu viele Reize von außen)

3. Introvertierte tanken neue Kraft in Ruhephasen (oft allein), während Extrovertierte neue Kraft durch Begegnungen mit Menschen oder Abenteuern tanken

Sowohl Introversion als auch Extroversion sind uns also angeboren und damit Grundzüge eines jeden Menschen. Je nach Erziehung, Umgebung und Gesellschaft kann zwar in geringem Maße Einfluss darauf genommen werden, jedoch sind das eben die grundlegenden Charaktereigenschaften. Schüchternheit, eine Eigenschaft, die introvertierten Menschen sehr oft zugesprochen wird, oft sogar damit gleichgesetzt wird, kann hingegen abtrainiert werden.
Das bringt uns zum nächsten Punkt – viele Extros verstehen nicht, was mit Intros los ist. Für sie wirken wir oft einfach schüchtern. Wir sollen uns mal einen Ruck geben und mitmachen, Spaß haben oder mehr sprechen. Und viele Intros – wie auch ich ganze 20 Jahre lang – glauben, dass wirklich etwas nicht mit ihnen stimmt und versuchen krampfhaft, sich zu ändern und zu integrieren. Die Welt gehört augenscheinlich nun mal den Extrovertierten – wer schnell und laut spricht, wirkt kompetenter. Extros werden schneller wahrgenommen, wirken oft mutig und cool und haben immer einen Spruch auf den Lippen.
Intros hingegen fristen oft ein Nischendasein und werden übersehen. Sie verfolgen eine Diskussion und sobald sie sich im Kopf den passenden Beitrag zurecht gelegt haben, wird bereits über ein ganz anderes Thema gesprochen.

Es fehlt einfach gegenseitiges Verständnis und genauso das Verständnis dafür, wer wir selbst eigentlich sind. Auch da frage ich mich wieder, warum solch simple Aufklärungen, die ohne weiteres in eine einzige Schulstunde passen, in Schulen niemals unterrichtet werden. Vielleicht hört man davon im Psychologie-Kurs, der aber leider an den wenigsten Schulen angeboten wird.
Statt sich Tag für Tag Sorgen zu machen, dass Du nicht normal bist, könntest Du mit dem richtigen Wissen endlich Du selbst sein. Könntest dazu stehen, dass Du nun mal nicht gerne in großen Gruppen sprichst und könntest dazu stehen, dass Du auch mal Zeit für dich brauchst. Natürlich soll diese Erkenntnis kein Freifahrtsschein dafür sein, dich komplett aus der Gesellschaft zurück zu ziehen – das macht Introversion auch nicht aus. Wie immer ist es das gesunde Gleichgewicht, dass jeder für sich selbst finden muss, um optimal mit seiner Energie zu haushalten.
Jedenfalls kannst Du dir guten Gewissens eingestehen, dass Du gut so bist, wie Du bist. Es ist genau wie mit den Leuten in der Werbung – uns werden Ideen als Wahrheit verkauft, wie wir zu sein haben. Alle Männer sollten ein Sixpack haben und alle Frauen sollten aussehen wie Models, schlank und immer geschminkt. Wir sollten alle permanent glücklich sein – wenn nicht, sollten wir uns schnell etwas kaufen, dass uns (garantiert) glücklich machen wird. Und wir sollten alle extrovertiert sein, denn nur wenn wir immer was zu sagen haben und viele Leute kennen, sind wir gute Menschen.

Vielleicht etwas überspitzt – aber ist es nicht so? Warum kann nicht jeder er selbst sein, ohne einem Ideal folgen zu müssen, um „richtig“ zu sein?

Die Stärken eines Introvertierten

Vielleicht machst Du dir noch immer Gedanken darüber, ob deine „Schwächen“ nicht immer noch Schwächen sind. Lies dir die folgenden Stärken mal genau durch – je nachdem mit welcher Einstellung du ran gehst, lesen sie sich noch immer wie Schwächen. Ich habe auch einige Zeit gebraucht, aber mittlerweile erkenne ich sie durchweg als Stärke.

  • Du kannst gut zuhören und hast eine hohe Konzentrationsspanne
  • Du bist ein reflektierter Mensch
  • Du denkst viel nach (manchmal vielleicht zu viel…)
  • Du hast eine gute Verbindung zu deinem Inneren oder kannst diese zumindest leichter herstellen
  • Du bist oft sensibel und ruhig
  • Du bist gern allein
  • Du bist ein aufmerksamer Beobachter
  • Du bist in vielen (vielleicht speziellen) Bereichen sehr gut informiert und hast wirklich Ahnung davon
  • Du strahlst Ruhe aus (und das schätzen die Leute an Dir!)
  • Du bist kreativ
  • Du bist mitfühlend und kannst Dich gut in andere hineinversetzen
  • Du bist sehr besonnen und triffst deine Entscheidungen durchdacht
  • Du hörst und siehst Dir alles in Ruhe an, bevor Du reagierst

Natürlich muss nicht jeder einzelne dieser Punkte passen und vor allem nicht immer – wenn ich zu lange alleine bin, verliere ich mich und fühle mich wirklich nicht gut.
Introvertiert zu sein heißt auch nicht, sofort zu 100 % introvertiert zu sein – wie gesagt, sind Intro- und Extroversion nur zwei Enden einer Skala. Wir alle haben also Anteile beider Extreme in uns. Bei vielen erkennt man eindeutige Tendenzen, andere hingegen bezeichnet man auch als ambivertiert. Diese bewegen sich ziemlich genau in der Mitte – vielleicht kennen und nutzen sie aber auch nur optimal ihre Ressourcen…

Sei Du selbst!

Vielleicht kämpfst Du zur Zeit ja mit diesem Thema – glaub mir, ich kenne die Gefühle, die damit zusammenhängen.
Ich hoffe, dass Dir mein Artikel die Augen ein wenig geöffnet hat und Du dich selbst besser verstehen kannst. Versuch, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und sieh dir mal genau die Eigenschaften an, die Du an dir nicht magst oder die man dir immer wieder schlecht geredet hat und frage dich: Warum sollen diese Eigenschaften schlecht sein?
Und wer kann dir sagen, was an deiner Persönlichkeit richtig und was falsch ist?
Niemand.

Das viele Gerede und den Drang eines Extrovertierten, immer etwas unter Menschen erleben zu müssen kann man genauso schlecht reden wie die Stille und das häufige Alleinsein eines Introvertierten.
Es gibt immer zwei Blickwinkel.

Viele gute Bücher und Internetseiten finden sich mittlerweile zu dem Thema. Ich kann Dir nur empfehlen, dich mehr damit auseinanderzusetzen. Am Ende wirst Du dich, aber auch die Menschen um dich herum deutlich besser verstehen können.

Egal was Du tust, verbieg dich nicht, nur weil andere dir sagen, dass Du falsch bist, wie Du bist. Es hat schon einen guten Grund, warum Du eben Du bist – wer weiß, was Du der Welt noch alles zu geben hast!

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Chris

Verbringst du gern Zeit mit dir selbst?

Bist du gern mal allein? Ich spreche hier nicht von Einsamkeit. Einsam ist wohl kein Mensch gern und es liegt auch nicht in unserer Natur, einsam zu leben. Wir brauchen den Kontakt zu anderen Menschen sowie deren Aufmerksamkeit und Zuwendung. Doch zwischen einsam und allein sein gibt es einen gravierenden Unterschied. Man kann es sich aussuchen, mal allein zu sein, sich mal zurückzuziehen von allem, mal nur Zeit mit sich selbst zu verbringen, und kann das auch in ein Leben integrieren, in dem man ansonsten gern in Gesellschaft ist. Denn ist es nicht seltsam, dass wir die Gesellschaft anderer Menschen schätzen, unsere eigene Gesellschaft jedoch oftmals nicht? Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass ich das allein sein brauche und es mir zwischendurch sehr gut tut. Allerdings nehme ich wahr, dass viele Menschen es regelrecht hassen, allein zu sein und es einfach nicht „können“. Woran liegt das?

In der Kindheit konnten wir oft noch stundenlang selbstvergessen spielen in einer Welt, die nur uns zugänglich war, vollkommen versunken und durch nichts abzulenken. Während der Schulzeit wurde das Alleinsein nicht gern gesehen und zum Ausschlusskriterium, d.h. zog man sich mal zurück, lief man Gefahr, leicht zum Außenseiter zu werden oder schlimmeres, weshalb ich glaube, dass, selbst wenn man das Gefühl hatte, sich mal zurückziehen zu wollen, man es unterdrückt hat, um nicht aufzufallen und „anders“ zu sein. Im Erwachsenenalter wird es dann wieder leichter, wobei auch hier für Absagen an einem Freitagabend zur Party mit der wahrheitsgemäßen Absage „Mir ist nicht danach / Mir ist nach einem ruhigen Abend“ nicht viel Verständnis aufgebracht wird. Zwischen zwei Beziehungen fällt es am meisten auf, ob jemand Probleme damit hat oder nicht. Denn nur weil man Single ist, ist man nicht automatisch einsam. Und das Alleinsein nach einer beendeten Beziehung ist wichtig, um eine neue Beziehung später ohne „Altlasten“ beginnen zu können. Doch viele Menschen rennen nahezu kopflos von einer Beziehung in die nächste.

Aber warum? In Gesprächen mit anderen habe ich zwischen den Zeilen folgende Antworten darauf bekommen, warum sie nicht allein sein können oder wollen:

  1. Ich weiß nichts mit meiner Zeit anzufangen, wenn ich allein bin
  2. Ich habe Angst, dass unangenehme Dinge oder Gefühle hochkommen
  3. Ich habe Angst, den Anschluss zu verlieren, wenn ich mich zurückziehe
  4. Mein Umfeld hat kein Verständnis für sowas

Sicherlich gibt es noch viele weitere Gründe mehr. Doch ist da was dran?

1.  Ich weiß nichts mit meiner Zeit anzufangen, wenn ich allein bin

Grundsätzlich kann man fast alles, was man zu zweit oder in der Gruppe macht, auch allein machen. Ja, man kann sogar allein ins Kino gehen, in ein Café oder in die Sauna. Hat man das einmal gemacht, wird man schnell merken, dass das Alleinsein viel weniger schlimm ist, als man dachte. Und natürlich kann man allein seinen Hobbys nachgehen (doch hier kann schon das erste Problem liegen: viele Menschen hab kein Hobby!). Allerdings meine ich mit Alleinsein eher, wirklich Zeit mit sich zu verbringen und dabei nicht abgelenkt zu sein. Zeit mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu verbringen, sie sich anzuschauen und sich bewusst zu werden, wie man sich eigentlich derzeit fühlt, vielleicht etwas zu Papier zu bringen, Gedanken zu sortieren, neu zu ordnen, eigene Entschlüsse zu fassen, unabhängig von der Meinung anderer. Herauszufinden, was will ich eigentlich gerade? Dazu kann man natürlich gut Meditationen nutzen, man kann sich aber auch einfach hinsetzen und mal schriftlich ein bisschen Klarheit im Kopf schaffen. Ein Spaziergang in der Natur lenkt auch nicht ab, sondern bringt den Blick nach innen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Hobbys wie Malen beispielsweise ebenfalls den Fokus nach innen leiten. Dabei merke ich so richtig, was gerade in meinem Kopf vor sich geht. Doch Zeit mit sich selbst zu verbringen, kann auch heißen, sich um sich selbst zu kümmern. Nachdem man in sich gegangen ist und festgestellt hat, was man gerade braucht, nimmt man sich einfach mal die Freiheit, genau das zu tun. Vielleicht ein Entspannungsbad zu nehmen, vielleicht braucht man aber jetzt auch genau das Gegenteil: die Gesellschaft anderer Menschen, oder etwas ganz anderes.Du wirst dich dabei selber erst richtig kennenlernen: den Menschen, der DU bist, unabhängig davon, wer gerade neben dir steht.

2.  Ich habe Angst, dass unangenehme Dinge oder Gefühle hochkommen

Das ist durchaus möglich. Und vielleicht sogar wahrscheinlich. Verdrängen ist zwar eine Taktik, mit der viele Menschen „arbeiten“ und mehr oder weniger gute Erfolge erzielen. Aber für deine innere Welt und auch für deinen Körper sind diese unterdrückten, negativen Gefühle Gift, die dich ganz langsam von innen nach außen vergiften und je nach Stärke auch Schlimmeres anrichten können – oftmals mit enormer Zeitverzögerung. Wäre es da nicht viel angenehmer, immer mal wieder zu schauen, was du vielleicht gerade unterdrückst, was vielleicht doch gern an die Oberfläche will und es in einem kontrollierten Moment zuzulassen und dann loszulassen, bevor es sich möglicherweise unkontrolliert irgendwann – definitiv im falschen Moment – Bahn bricht? Die Emotional Freedom Technique wäre hierfür z.B. ein super praktischer Helfer.     

3.  Ich habe Angst, den Anschluss zu verlieren, wenn ich mich zurückziehe

Jede Freundschaft und Beziehung kann und sollte es verkraften, wenn du sagst „Ich brauche mal eine Stunde / einen Tag / eine Woche Zeit für mich“. Zurückziehen muss nicht bedeuten, gleich den Kontakt abzubrechen, für längere Zeit nicht erreichbar zu sein oder sein Umfeld zu vernachlässigen. Sich Zeit für sich selbst zu nehmen kann man in den Alltag einbauen und es muss nicht zwangsläufig viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn man es regelmäßig macht. Auch wenn du dein Handy für ein paar Stunden ausschaltest, musst du kein schlechtes Gewissen haben. Die Welt wird sich in der Zeit ganz bestimmt weiterdrehen. Und wenn du wieder „aufgetankt“ bist, kannst du dich auch mit mehr Energie deiner Familie und deinen Freunden zuwenden. In guten Freundschaften kann und darf man auch einfach ehrlich sein, und es erklären. So mache ich es und bin bisher immer auf Verständnis getroffen.

4. Mein Umfeld hat kein Verständnis für sowas

Womit wir bei diesem Punkt angekommen wären. Hat dein Umfeld wirklich kein Verständnis dafür, oder ist das dein eigener Standpunkt? Vielleicht sehnen sich andere Menschen in deinem Umfeld oder deiner Familie auch nach etwas mehr Zeit für und mit sich selbst, und auch sie trauen sich nicht, das offen zu sagen? Was, wenn du damit auch anderen ganz neue Möglichkeiten eröffnest? Manchmal glauben wir nur, andere haben für bestimmte Dinge kein Verständnis und das stimmt gar nicht. Herausfinden kannst du es nur, wenn du dir die Zeit für dich allein einfach mal nimmst und schaust was passiert.

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, ab und zu Zeit nur mit sich selbst zu verbringen, ganz ohne Ablenkung durch den Fernseher, das Handy oder ein spannendes Buch, denn erst dann können wir uns wirklich kennenlernen, in uns selbst hinein hören und erfahren, was wir tatsächlich wollen – und was nicht. In der heutigen Zeit sind wir ständig von Lärm und Hektik umgeben, außerdem erhalten wir den ganzen Tag über – bewusst und unbewusst – Informationen unserer Mitmenschen über deren Wünsche, Gefühle, Absichten, sodass wir uns manchmal selbst ein wenig vergessen. Wäre doch schön, auch wieder eine Verbindung zu der Welt in dir drin zu haben und nicht nur zu der Welt da draußen, oder?

Wie viel Zeit widmest du dir selbst?

Alles Liebe, deine Coco